Der Mann der Stunde kommt aus Nigeria. Sein Name: Burna Boy. - © Nicolas Gerardin
Der Mann der Stunde kommt aus Nigeria. Sein Name: Burna Boy. - © Nicolas Gerardin

Jahrzehntelang wurde das Erbe der populären und traditionellen afrikanischen Musik nicht nur im Rock ’n’ Roll durch sogenannte "kulturelle Aneignung" vulgo Diebstahl von geistigem Eigentum ungeniert ausgebeutet. Nach den unwahrscheinlichen Weltkarrieren fahrender Tuareg-Bands wie Tinariwen ("Die Rolling Stones der Wüste!") oder Tamikrest als "authentische Stimmen" im "Weltmusik"-Genre (noch so eine schwierige Bezeichnung!) ab den Nullerjahren ist ein Umbruch derzeit vor allem im schrillen Universum des (Mainstream-)Pop zu verzeichnen.

Nicht von ungefähr sah man zuletzt in Beyoncés Verneigung vor Afrika in Form des epischen Musikvideos und visuellen Albums "Black Is King" eine Geschichte der (Selbst-)Ermächtigung, die, getanzt im Gwara-Gwara- und Zanku-Stil, endlich auch unter Beteiligung global-lokaler Protagonisten stattfand. Aktuelle Schaffensepizentren befinden sich in West- und Südafrika. Ein Schlaglicht.

Burna Boy

Damini Ebunoluwa Ogulu ist der Mann der Stunde. Und er hat unter seinem Alias Burna Boy gerade das dezidiert afrikanische Pop-Album zur Zeit - und ein Album des Jahres - vorgelegt. Der 1991 in Nigeria geborene Enkel eines Managers von Fela Kuti spielt nach dem programmatischen Album "African Giant" aus dem Vorjahr auf "Twice As Tall" (Warner Music) endgültig in seiner eigenen Liga, was das auch als Afrobeats bezeichnete Genre der sogenannten Afrofusion betrifft.

Co-produziert von US-Hip-Hop-Mogul P. Diddy, eingespielt in Lagos mit Gästen wie dem Afropop-Act Sauti Sol aus Nairobi oder Youssou N’Dour, der großen senegalesischen Pop-Stimme aus der Vor-Vor-Generation, steht das Digitale darauf neben dem Analogen - und das Moderne somit neben dem Traditionellen: Eingesungen auf Englisch, Yoruba, Pidgin und Zulu, kommen zu elektronischen Bässen, Drumcomputer-Beats, donnerndem Dub-Schlagzeug, spätnächtlichen Saxofonen und lichten Marimbas im heiteren polrhythmischen Mash-up neben lokalen Spielarten auch Einflüsse aus Dancehall und Hip-Hop. Über die nötigen Pop-Sensibilitäten verfügt Burna Boy ohnehin. Wir hören eine Wundertüte, die ein musikalisch-kultureller Schmelztiegel ist.

Trotz der zum Teil sehr ernsten Inhalte - im ausgerechnet mit Chris Martin von Coldplay gegebenen "Monsters You Made" findet das Album seinen #Black-LivesMatter-Moment - regiert ein rhythmisch mitreißender, leichtfüßiger Grundton die Songs. Musikalisch wird die menschenfreundliche Aura mit herzerwärmenden Gruppengesängen vertont, textlich bringt sich Burna Boy mit einer Hommage an die Musikerin und Menschrechtsaktivistin Onyeka Onwenu auch mit einer feministischen Note ein.

Über seine Herkunft sagt der Künstler, der spätestens im Jahr 2020 also die ganze Welt ins Visier nimmt: "Afrika ist vor allem Heimat, es ist das Mutterland für alle Menschen."

Mr Eazi

Ohne das Wort "Fusion" kommt man auch im Fall des gleichfalls 1991 in Nigeria geborenen Sängers und Songwriters Oluwatosin Ajibade alias Mr Eazi nicht aus, den mit Burna Boy außerdem ein Konzert am Coachella Festival in Kalifornien als Karrierestation und die gemeinsame Single "Miss You Bad" verbindet. Spezialisiert ist der Mann aber auf sein ureigenes "Banku", das Elemente des bläserdurchsetzten ghanaischen Highlife-Genres aufnimmt und deshalb nach dem bettschwer machenden gleichnamigen Nationalgericht benannt ist, weil es Mr Eazi gerne entspannt bis behäbig mag - obwohl körperliche Rhythmen auch bei ihm eine Rolle spielen.

Auf der Habenseite stehen seine Beteiligung an Beyoncés Soundtrackalbum "The Lion King: The Gift" (2019) sowie eine abermillionenmal gestreamte, Genres und Kontinente überwindende Kollaboration mit dem kolumbianischen Reggaeton-Sänger J Balvin.

Über den Bedeutungswandel der nationalen Musikproduktion in seiner Heimat sagte Mr Eazi zum US-Magazin "Billboard": "Früher hat man die Leute bei uns sogar in den Dörfern Céline Dion singen gehört. Heute läuft dort zu 99 Prozent Musik aus Nigeria - weil sie hip ist."

Moonchild Sanelly

Die junge Frau mit der zumeist markant blau gefärbten Vorhangkordelfrisur hat zwar noch kein Album vorgelegt, für das eigene Schaffen aber bereits die schöne Beschreibung "Future Ghetto Punk" gefunden.

Schrill-bunte, körperbetonte und eventuell nicht gänzlich substanzfreie Performances hinter heiter tribalistischen Songs wie "Bashiri" oder "Weh Mahmeh" dürften für eine gemeinsame Europatour mit ihren nicht minder schrägen südafrikanischen Landsleuten von Die Antwoord jedenfalls Legitimation genug gewesen sein. Einen richtigen Karriereboost bedeutete zuletzt ein Featuring-Auftritt in Beyoncés kräftig geklöppelter Kampfansage "My Power". Wichtig ist bei der 1989 als Sanelisiwe Twisha geborenen Sängerin auch der Einfluss des in den 1990er Jahren in Johannesburg entstandenen Kwaito-Genres, einer lokalen House-Spielart.

Tiwa Savage

Apropos Beyoncé, Beyoncé und Beyoncé: Tiwatope Savage aus Nigeria gilt mit ihren 40 Jahren mittlerweile nicht nur als Elder Stateswoman im Musikgeschäft ihres Heimatlandes, sie wird auch gerne als "Beyoncé Afrikas" bezeichnet. Das hat neben stilistischen Ähnlichkeiten - die aus Lagos gebürtige Sängerin und Songwriterin setzt neben kunterbunten Afrobeats aus der Dose auch auf klassischen, auf Englisch eingesungenen Schlafzimmer-Soul und R&B - auch mit ihren Rollen als Unternehmerin, Wohltäterin und Integrationsfigur zu tun.

Ihr Changieren zwischen Tradition und westlicher Moderne spiegelt sich auch biografisch: Nach ihrem Studium in Großbritannien und den USA sowie nach Engagements als Backgroundsängerin für George Michael und Whitney Houston zog sie 2012 nach Nigeria zurück, wo sich die Musikszene in der Zwischenzeit stark verändert hatte - und nun brummte. Mit einem dazugehörigen Musikvideo bunt und bildstark inszeniert, nimmt ihr im Vorjahr auf Motown erschienener Song "49-99" Bezug auf Fela Kutis Sozial- und Kolonialismuskritik "Shuffering and Shmiling" von 1978: "I gat to get the dollar."

Wizkid

Seine musikalischen Ambitionen begannen im Alter von elf Jahren, der internationale Durchbruch folgte 2016 als Gastsänger und Co-Produzent des kanadischen Rappers Drake mit dem gemeinsamen Sommerhit "One Dance", der die US-Charts zehn Wochen lang regierte.

Nach dem von Autotune-Gesang geprägten Debüt "Superstar" von 2011 wurde Wizkid zum nigerianischen Mainstream-Aushängeschild und gefragten Kollaborationspartner über die Landesgrenzen hinaus, zuletzt dokumentierte das Album "Sounds From The Other Side" mit internationalen Stargästen wie Major Lazer und Chris Brown 2017 eine noch stärkere Hinwendung zu karibischen Klängen zwischen Dancehall und Reggaeton. Von politischem Bewusstsein und Systemkritik künden seine Songs durchwegs nicht, stattdessen geht es um Party und Geld. Und alles ist immer sehr "sexy".

Nakhane

Ursprünglich inspiriert von der Musik des großen malischen Gitarristen Ali Farka Touré (1939-2006), weist die Kunst des 1988 in Südafrika geborenen Sängers, Songwriters, Schauspielers und Autors Nakhane Mahlakahlaka alias Nakhane spätestens seit seinem Album "You Will Not Die" von 2018 Afropop-Elemente mit Gitarrenmelodien und Gruppengesang nur mehr als Beigaben auf. Dafür hört man sich verzehrende (Falsett-)Gesänge mit dem Einschlag einer Bacchanalien-Orgie im alten Rom zu dramatischem Elektropop, der uns eines mitteilt: Schwule Begehrlichkeiten können nach wie vor brandgefährlich sein, wenn man am falschen Ort geboren ist.

Der dem Volk der Xhosa zugehörige, in einer strenggläubigen christlichen Gemeinde in Port Elizabeth aufgewachsene Künstler erzählt uns also die alte Geschichte der Selbstbefreiung unter dem Blickwinkel von Sex und Ethnie auf realbiografischer Basis. Das ist so einnehmend wie beklemmend: "Oh, boy / White Jesus loves you now / Much more than he’ll ever love me."

Mit Beyoncé hat Nakhane im Übrigen überhaupt nichts zu tun, dafür zeigte sich Madonna zuletzt auf ihrem Album "Madame X" von ihm beeinflusst.