Der Bass pumpt, das Schlagzeug zickezackt, die Keyboardmelodie umarmt außer der ganzen Welt gleich auch noch das Universum, dazu erscheint im Konfettiregen die in die Höhe gestreckte Faust des Sängers Brandon Flowers vor dem geistigen Auge. Musikalisch könnte das gerade der Boss im Stadion sein, ein wenig aber auch das Schlagerkarussell, in dessen Line-up sich der Operettenrocker Meat Loaf hineingeschummelt hat, der jetzt mit seinem Glockenspiel frech versucht, wie die frühen Arcade Fire zu klingen.

Vorsicht, Obacht, Gefahr! Es hört sich an, wie die unter Zuhilfenahme einer Windmaschine dramatisch in Szene gesetzte Schmalzlocke über dem Gewinnerlächeln des Bandchefs aussieht, wobei zur Vollendung neben dem Paillettenrevers nur noch eine rote Steckrose fehlt. In echt ließen sich die Killers aus der Glücksspielmetropole und Ausschweifungshochburg Las Vegas für aktuelle Pressefotos dann aber eh ganz in Weiß auf und um einen in die amerikanische Einöde geparkten Benziner drapieren. Das ergänzt das zu den neuen Songs gut passende alte Bruce-Springsteen-Motiv einer Spritztour in die Freiheit um das gewisse ... ja, was? Aber keine Frage, wäre Brandon Flowers ein Gebrauchtwagenhändler, die Neigungsgruppe würde ihm noch die desolateste Schrottkiste aus den Händen reißen.

Nie weniger als alles

"Imploding The Mirage"-Albumcover.
"Imploding The Mirage"-Albumcover.

Wir sind also erst bei "My Own Soul’s Warning", dem Auftaktsong des neuen und mittlerweile sechsten Albums der Killers, dessen Titel "Imploding The Mirage" (Universal Music) sich auch in den noch kommenden 40 Spielminuten nur bedingt erschließen wird. Immerhin regiert hier außer der Kunstform der musikalischen Dauerexplosion nur die Kunstform der musikalischen Dauerexplosion. Es ist wie auf einem Kirtag zwischen Zuckerwatte- und Bratfett-Aroma zu synapsentechnisch zusätzlich verwirrendem audio-visuellen Sperrfeuer: Auch an der als gehaltvoller Hauptgang mit Sättigungsbeilage aufgetischten Musik der Killers ist immer alles zu viel. Wir wünschen, wir wollen, sie gehen in die Vollen: Weniger als alles war von ihren auf Überwältigung gebauten Songs noch nie zu erwarten.

Nach Anfängen im schneidigen Indie-Rock für das FM4-Nachmittagsprogramm und nächtliche Studenten-Partys des Debütalbums "Hot Fuss" von 2004 und der Ankunft im globalen Hitradio vier Jahre später mit "Day & Age" konnte man sich die kommerziell klischeebeladenen Killers zwar spätestens auf ihrem 2017er-Album mit dem erheblich in die Irre führenden Titel "Wonderful Wonderful" nicht mehr anhören. Man darf also darüber rätseln, warum die neuen Songs bei aller weiterhin ausgebauten Reißbretthaftigkeit samt einer Extraportion Kitsch und Pathos nun wieder unterhalten.

Die Refrains befriedigen ungeniert wie kulinarische Glutamatbomben, die Produktion ist makellos glatt gebügelt wie Brandon Flowers’ Bundfaltenhose - und gewohntermaßen kommen auch die Songtexte wieder auf die Essenz heruntergebrochen daher wie der Handlungsstrang eines Pornos. Warum liegt hier überhaupt Stroh rum? Sagen wir so, wenn sich ein Ausreißer wie "When The Dreams Run Dry" nicht gerade eher unsubtil mit dem Thema Älterwerden beschäftigt ("We’re all gonna die!!"), wird es zur himmelstürmenden Musik passend einigermaßen verlässlich um Erbauung und Zuspruch gehen.

Turbulenzen und Vorwürfe

Apropos verlässlich: Bevor die Killers in exakt jedem Song wieder tun, was sie am besten können - nämlich wie die Killers klingen -, kann man ihnen ein Bemühen um Abwechslung zumindest rundherum diesmal nicht absprechen. Neben etwas Fleetwood Mac (deren Gitarrist Lindsey Buckingham für den Song "Caution" ein Stromrocksolo beisteuert) in der "Rumours"-Phase bei "Blowback" und einem Hauch Chris Rea bei "Running Towards A Place" überraschen nicht zuletzt Annäherungen an die Talking Heads ("Fire In Bone") und die deutschen Krautrockpioniere Can und Neu! ("Dying Breed"). Gut getan hat der Band außerdem die Miteinbeziehung des Produzenten Shawn Everett, an dessen Arbeit für die War On Drugs und deren "Alternative"-Zugang zum klassischen Heartland Rock der Sound nicht selten erinnert.

Gedämpft wird der über zehn Songs andauernde Triumphzug allerdings von drei Umständen. Zum ersten kämpfen die Killers aktuell um den Verbleib ihres Gitarristen Dave Keuning, von dem auf "Imploding The Mirage" nichts mehr zu hören ist. Zum zweiten wurden auf Twitter zuletzt #MeToo-Vorwürfe gegen die Band und ihre Tour-Crew laut (die Killers bestreiten diese). Und zum dritten ist es natürlich eine Frechheit, dass alles an diesem Album nach einem Stadionkonzert verlangt, während Stadionkonzerte derzeit nicht stattfinden können. Ob man sich so eine Konfettikanone auch für zuhause zulegen kann? This is the sound of guilty pleasure.