Wenn Musik an Zauberei grenzt: Angel Olsen. - © Kylie Coutts
Wenn Musik an Zauberei grenzt: Angel Olsen. - © Kylie Coutts

Musikjournalisten sind gemeinhin mächtig stolz auf ihre "Entdeckungen" und "Geheimtipps". Wer dagegen 2016 nach der gewaltigen LP "My Woman" seine Hausaufgaben gemacht und sich ältere Alben Angel Olsens angehört hat, musste sich peinlich berührt fragen: Wie konnte ich diese überirdische Sängerin so lange übersehen/-hört haben?! Eine Frau, die ihr Herz auf der Zunge zu tragen scheint, aber auch Drama von opernhaftem Pathos zu zelebrieren weiß, die von hauchzarter Fragilität bis zum zermalmenden Bombast alles draufhat und sogar ein bisschen über sich selbst lachen kann?!

Düstere Inhalte

Und dann schlug im Vorjahr "All Mirrors" dem Fass den Boden aus. Niemand, auch nicht die Kritiker der "Wiener Zeitung", vermochte diesem eindringlichen Werk zu widerstehen, das alle Insignien einer guten Konsens-Platte hat, wuchtigen Pop mit sehr introspektiven Passagen kontrastiert und sich zwischendurch sogar einige Laissez-faire-Momente leistet.

Olsen, 1987 in Missouri geboren und heute in North Carolina lebend, kann praktisch alle großen Songwriterinnen vor- und durchexerzieren: eine inbrünstige Sharon Van Etten, eine gefühlssichere Paula Frazer (Tarnation), eine leidende Lana Del Rey; in bestimmten Momenten kommt sie sogar der unglaublichen Freak-Folk-Künstlerin Jessica Pratt nahe.

Dazu aber zeigt Olsen in herzerweichenden Belcanto-Passagen eine starke Affinität zur Musik der 50er Jahre, zu Rührstücken wie "Earth Angel", Ritchie Valens’ "Donna", Paul-Anka-Heulern wie "Diana" oder diversen Klassikern Roy Orbisons und ruft damit Echos aus einer als unschuldig verklärten Periode der Popmusik hervor. Verbunden mit düsteren Inhalten, mit welchen Olsen zuhauf dienen kann, wird solche Musik gerne für Psycho-Thriller verwendet - ein Wunder eigentlich, dass David Lynch noch nicht um einen Soundtrack angefragt hat.

Olsens Opus Magnum "All Mirrors" ist eine Auseinandersetzung mit dem Bruch einer Beziehung und weiteren sozialen Verwerfungen in dessen Gefolge. Stellenweise führt diese Trauerarbeit, wie im Titelsong, vom Herzschmerz zu - eher noch ungemütlicherem - existenzialistischem Grübeln (und sporadischem Sarkasmus). Nur von ihrer Gitarre und in zwei Fällen zusätzlich von Keyboards begleitet, hat Olson 2018 in einer Kirche in einer Kleinstadt im nordwestpazifischen Bundesstaat Washington diesen ihren emotionalen Aufruhr in Song-Rudimenten festgehalten. Selbige hätten simultan zu den orchestrierten Versionen veröffentlicht werden sollen; aus irgendeinem Grund kam es nicht dazu - und so erscheinen sie eben erst jetzt.

"Whole New Mess", wie die Edition der Ur-Takes betitelt ist, ist nicht einfach eine Art Demo-Version des Vorjahres-Albums. Vielmehr übertrifft sie das "Träger-Werk" an dramaturgischer Schlüssigkeit deutlich. Zwei bisher unveröffentlichte Tracks tragen dazu ihren maßgeblichen Teil bei. Der Titelsong ist nicht das beste Stück Musik auf diesem Album, aber ein programmatisch ähnlich effektiver Opener wie es etwa "Atrocity Exhibition" für Joy Divisions Endzeit-Klassiker "Closer" war.

Der Text ist ein herrliches Stück schizophrener Ironie: Angel Olsen spielt Aufbruchsstimmung, bekundet ihren Willen, auf Schiene zu kommen - ja, neue Pressefotos könnte man auch machen -, aber bitte nicht jetzt gleich. Über kurz oder lang, weiß sie, wird sie wieder in ein Schlamassel taumeln. Im zweiten neuen Song, "Waving Smiling", enttarnt Olsen alle demonstrative Zuversicht als tapferes Schauspiel.

Auf ein Neues

Von den neun schon bekannten Songs fällt kein einziger gegenüber den Interpretationen von "All Mirrors" ab, nicht einmal das manische Lamento "Lark", in dem Olsen den Frust über einen egoistischen Lover hinausplärrt. Wie der "Engel" nämlich, unbeeindruckt von klanglichen Kollateralschäden wie Verzerrungen und Übersteuerungen, mit winzigen Ober- und Untertönen ihrer Gitarre Atmosphäre und Volumen machen kann, grenzt an Zauberei.

Besonders schön kommt in diesem Klang-Ambiente auch, wie Olsen in "Summer Song" ihre hochschwirrende Stimme als Melodieinstrument einsetzt. "What It Is" als Schlusssong verwandelt sich, so munter heruntergeschrammelt, zu einem gelassenen Stück Es-ist-wie-es-ist-Einsicht und schließt so die Klammer zum Titelsong am Anfang. Auf ein Neues also.