Eine beliebte Geschicklichkeitsübung bei Pop-Texten ist es, gewöhnliche Liebeslieder mit "gesellschaftskritischen" Themen oder Anspielungen, gar "politischem Bewusstsein" zu infiltrieren. ABC-Frontmann Martin Fry war immer recht gut in dieser Disziplin, ebenso Neil Tennant von den Pet Shop Boys und natürlich Magnetic-Fields-Kopf Stephin Merritt (aber der kann sowieso alles).

Andy Bell, wenn man ihn denn als Hauptverantwortlichen für die Texte des Duos Erasure dingfest machen will, kann es eher nicht. Es tut in der Seele weh, das konstatieren zu müssen, denn der Kerl ist grundsympathisch, als seit jeher bekennender Schwuler charakterfest, trotzt tapfer gesundheitlichen Problemen (er ist HIV-positiv und leidet an Knochennekrose) und ist ein großer Entertainer.

In unseren Breiten kommt als Charme-Faktor dazu, dass Bell recht gut Deutsch spricht. Und natürlich hat er eine riesige Stimme - ungefähr eine männliche Version von Alison Moyet, mit der wiederum sein musikalischer Partner Vince Clarke nach kurzem Einstand bei Depeche Mode im Duo Yazoo eine starke Duftnote im britischen Synthie-Pop der frühen 80er setzte. Erasure, die Clarke mit Bell 1985 gründete, waren immer dann gut, wenn sie geradeaus lieferten, ohne irgendwie "schlau" sein zu wollen, etwa in ihrem Ur-Hit "Sometimes".

Die neue LP, "The Neon", will aber leider gleichermaßen sophisticated wie populistisch sein. Da kommt dann halt gerne einmal so ein Refrain heraus: "Ride on top of a rollercoaster / walk up and down escalator / I tried all of the things that give me love / fly like a fallen angel / love just like it’s second nature / I tried all of the things that give me love." Wenn solche als philosophisch hochstapelnde Heißluft auf Albumlänge öfters weht - und das tut sie, glauben Sie einem alten Mann! -, wird’s grimmig.

Glücklicherweise ist die Kompositionsarbeit - immer eine Krux bei Synthie-Pop-Duos - brauchbar bis gut, sodass die puristisch elek-tronisch arrangierte Platte letztlich doch leidlich unterhaltsam ausfällt. Fazit: Mit einem blauen Auge davongekommen - wenn man selbiges fest zudrückt.