I’m picking up bad vibrations: Als bekennendem Beach-Boys-Fan sowie als kalifornischer Pastorentochter muss Katy Perry das Sakrileg hinter der Wahl des Albumtitels eigentlich bewusst gewesen sein. Immerhin ist "Smile" popkulturell vor allem als unveröffentlichter "Pet Sounds"-Nachfolger und entsprechendes Mysterium bekannt, das Beach-Boys-Kopf Brian Wilson nach aus dem Ruder gelaufenen Drogenexperimenten in einer in das Aufnahmestudio gestellten Sandkiste empfing. Großspurig als "Teenage Symphony To God" angelegt, wurde die Unternehmung dann aus diversen Gründen - Achtung, Wortwitz! - aber auch buchstäblich in den Sand gesetzt.

"Licht am Ende des Tunnels"

Mit Gott hat Katy Perry nicht nur aufgrund ihres Aufwachsens und einer Vergangenheit als Sängerin in den Fachbereichen Gospel und Christian Rock Erfahrung gesammelt. Der Hintergrund ihres nun vorliegenden neuen Albums "Smile" (Universal Music) aber ist ohnehin weltlich: Der kommerzielle Flop des Vorgängers "Witness", die damit verbundene negative Presse sowie private Turbulenzen und Depressionen hatten die Sängerin und Songwriterin im Jahr 2017 in eine veritable Krise gestürzt.

Getreu dem klassischen amerikanischen Motiv des Hinfallens und des wieder Aufstehens (wir müssen nur wollen!), hierzulande bekannt als "Wos di net umbringt ...", wird bei Album Nummer sechs im Katalog unter dem Motto der (Selbst-)Erbauung nun aber eh bereits wieder auf die frohe Botschaft gesetzt. Auch wenn die heute 35-Jährige auf dem Cover im Clownskostüm noch nicht so ganz überzeugt wirken mag, die Songs sprechen der Hörerschaft wie der Sängerin selbst spätestens im Refrain jenen Mut zu, den auch die weitgehend tanzbaren Beats untermauern. Katy Perry spricht von einer "Reise ans Licht", dem "Licht am Ende des Tunnels" sowie von "Geschichten über Resilienz, Hoffnung und Liebe". Ob die Drogen von Brian Wilson beim Aufnahmeprozess im Spiel waren, ist zu bezweifeln, vielleicht aber darf an den einen oder anderen "Mother’s Little Helper" gedacht werden, der gleichfalls Mitte der 60er Jahre, aber von den Rolling Stones besungen wurde.

Zwei Tage vor der Albumveröffentlichung erblickte schließlich Tochter Daisy Dove das Licht der Welt. Die Schwangerschaft und der in den Musikvideos demonstrativ ins Zentrum gerückte Babybauch waren auch am ehesten noch als verbindendes Motiv der Vorabsingles auszumachen. Rund um etwa die biederkitschige Hochzeitsballade "Never Worn White", man merkt es schon, befanden und befinden wir uns hier also eher im Reich der Society-Presse (der Kindsvater ist übrigens der britische Schauspieler Orlando Bloom!) als tief drinnen im Kulturdiskurs.

Die Songs auf "Smile" tragen das Ihre dazu bei, dass es auch dabei bleibt: Es will nichts hängenbleiben - außer vielleicht die Erkenntnis, dass man sich an "Smile" auch in Zukunft über die Beach Boys erinnern wird. Wobei Katy Perry zumindest das Kunststück gelingt, trotz der ausgabenseitig mutigen Miteinbeziehung von 16 Produzenten(teams) und bis zu neun Songwritern pro Lied dafür zu sorgen, dass man ohnehin nur einen Algorithmus mit Inspirationsproblem als Urheber dieser blass nach Baukastensystem zusammengesteckten Nummern vermuten würde. Ob man bei in Liebesg’schichten und Heiratssachen akut turbokapitalistisch angelegten Zeilen wie "When I hula-hula / So good, you’ll take me to the jeweler-jeweler" im Falle von "Harleys In Hawaii" aber auch von einer sogenannten "Künstlichen Intelligenz" sprechen könnte, bleibt dabei fraglich.

Nachricht an den Nachwuchs

Zwischen sterilen Elektropop- und EDM-Beats ("Never Really Over", "Teary Eyes"), Funk-Beigaben aus der Dose ("Smile", "Champagne Problems"), einem Trap-Intermezzo (bei einem Aufguss ihres bisher größten Hits "Dark Horse" von 2013), den üblichen Powerballaden und "What Makes A Woman" als abschließende Nachricht an den Nachwuchs ist das Album aber wenigstens mutlos genug, um auch nicht wirklich zu nerven. Als Hintergrundbeschallung im Supermarkt kann man sich also weiterhin halbwegs ungestört den großen Lebensentscheidungen zuwenden ("Linguine oder Spaghetti?"), während Songs wie die Auftaktsingle "Daisies" aus dem Lautsprecher plätschern.

Deren Spitzenplatz in den US-Charts (Nummer 40!) erklärte bereits, dass sich ein Comeback im großen Stil einstweilen nicht ausgehen wird. Allerdings hat Katy Perry mit Songs wie "Not The End Of The World" und "Cry About It Later" auch für dieses Szenario schon vorgesorgt.