Aktuell wird das Thema natürlich von Beyoncé dominiert. Wenn es um selbstbewusste "Blackness" geht, den Hinweis auf das reiche kulturelle Erbe Afrikas wie zuletzt mit dem visuellen Album "Black Is King", um schwarze Selbstermächtigung und den Widerstand gegen weiße Polizeigewalt im Zuge der #BlackLivesMatter-Bewegung, führt an der US-Musikerin längst kein Weg mehr vorbei. Wobei hier natürlich im Mainstream- und Schwerverdienerinnenbereich mit solidarischer Geste von oben für etwas eingetreten wird, das historisch von unten erkämpft werden musste und – weil sich Geschichte zum ersten Mal als Tragödie, zum zweiten Mal als Farce wiederholt – nach wie vor erkämpft werden muss.

Später Durchbruch

Nicht nur in diesem Zusammenhang hat die US-Soul-Veteranin Bettye LaVette mit "Blackbirds" (Verve/Universal) soeben das richtige Album zur richtigen Zeit vorgelegt. Die Frau, die die Mutter von Beyoncé sein könnte, verbrachte ihre Berufslaufbahn zwar im Dienst jener Black Music, die die Generation der Töchter obszön reich werden ließ. Die am 29. Jänner 1946 geborene und in Detroit aufgewachsene Sängerin selbst aber hielt sich nach einem schnellen Karrierestart und einem ersten Hit im Alter von 16 Jahren lange Zeit nur prekär über Wasser. Wie man auch in ihrer 2012 veröffentlichten Biografie "A Woman Like Me" nachlesen kann, markierte zwischen vielversprechenden Anfängen beim Label Atlantic Records, einem Engagement im Tourtross James Browns oder einem Kurzausflug zu Motown vor allem ihr zwar fertig eingespieltes, 1972 allerdings doch nicht veröffentlichtes "Debütalbum" "Child Of The Seventies" einen kritischen Wendepunkt.

Nach dem anschließenden Tief, den für das Genre problematischen 80er-Jahren, einer vorsichtigen Wiederentdeckung durch Soulsisters, Soulbrothers und Sammler in den 90ern und schließlich einer Vertragsunterzeichnung mit Anti Records geschah eines: Im Fahrwasser des Soulrevivals gelang Bettye LaVette spätestens mit dem unbedingt auch als feministisches Statement lesbaren Album "I’ve Got My Own Hell To Raise" (2005) kurz vor ihrem 60. Geburtstag doch noch der Durchbruch. Produziert von Joe Henry, der die Welt kurz davor auch an das Soul-Schwergewicht Solomon Burke erinnert hatte, war der bis heute anhaltende zweite Frühling als Recording und Performing Artist eingeläutet. Die Bezeichnung "Comeback" allerdings blieb verboten. Oder wie es die Sängerin vor zwei Jahren im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" resolut formulierte: "Ich war nie weg, woher sollte ich zurückkommen! Das Publikum war halt grad nicht da, wo ich war. Aber ich war immer da!"

Heisere Autorität

Apropos resolut: Das sich trotz kämpferischer Faust mit sanftem Ton anschleichende Album "Blackbirds" kommt diesmal als dezidierte Hommage an starke schwarze Stimmen daher. Das ist zum einen auf die Sangesleistung bezogen. Es hat zum anderen aber natürlich auch mit den Kämpfernaturen der Vortragenden und deren Leistung für die schwarze Community – und weit darüber hinaus – zu tun. Immerhin acht von neun Songs des Albums wurden maßgeblich von schwarzen Sängerinnen geprägt, deren Schicksale mitunter tragisch waren. Darunter die große Billie Holiday oder die im Jahr 1963 gleichfalls jung verstorbene Jazz-Sängerin Dinah Washington.

Den Auftakt macht aber eine Komposition des Haus- und Hofschreibers von David Lynch – Angelo Badalamentis "I Hold No Grudge", das man als Nina-Simone-Song kennen könnte. Wie die Protagonistin darin keinerlei titelgebenden Groll hegt, demonstriert auch Bettye LaVette, dass sie zwar jederzeit alles in Grund und Boden singen könnte – es aber nicht nötig hat. Eine Stimme, so scharf wie ein Schwert, die sich nobel zurückhält, um die Hörerschaft mit der heiseren Autorität und zittrigen Patina der Lebenserfahrung sofort abzuholen und dabei nachhaltig unter die Haut zu gehen.

In Rotwein gebadet

Dazu setzt es über die Albumlänge und etwa zu Songs von Ruth Brown, Della Reese, Nancy Wilson oder der Leonard-Cohen-Vertrauten Sharon Robinson edle Session-Musiker-Grandezza zwischen eleganten Blueslicks, auf die Sperrstunde verweisendem Beserlschlagzeug und einem gut in Rotwein gebadeten Kontrabass, dem manchmal auch nach Cognac ist. In getragenem Tempo biegt der südstaatenverwurzelte Sound also sehr gerne auf eine Stärkung in Richtung Hotelbar ab. Dezente Vibrafon-, Klavier- und Streicherbeigaben sind unter Regie von Schlagzeuger Steve Jordan jederzeit möglich. Und wie bereits auf dem von diesem produzierten Vorgänger "Things Have Changed" mit Songs von Bob Dylan sind Coverversionen im herkömmlichen Sinn für Bettye LaVette auch diesmal Tabu. Es geht darum, sich das Originalmaterial einzuverleiben und es in neuer Gestalt zurück in die Welt zu entlassen.

"I didn’t want to do it in any way that had been done before", gab Bettye LaVette diesbezüglich auch über "Strange Fruit" zu Protokoll. Und tatsächlich hat man Billie Holidays beklemmendes Dokument der US-Lynchmorde an Afroamerikanern an der Wende zum 20. Jahrhundert in dieser Form noch nicht gehört. Die Bleischwere des Originals wird aufgebrochen, akzentuiert zu Marimba, Klavier und Gitarre steht eher ein nächtliches Torkeln durch das Moor am Programm, wie es auch zu Tom Waits passen würde.

Den Abschluss macht das McCartney-Solo "Blackbird" vom "Weißen Album" der Beatles: Im Jahr 1968 symbolreich von der US-Bürgerrechtsbewegung mitinspiriert, gelingt Bettye LaVette über den Wechsel in die erste Person vor allem ein dramaturgischer Kniff. Erlösung naht, es gibt Hoffnung am Himmel. Die Sängerin hat es gelernt, nun lehrt sie es: Aufgeben gilt nicht!