In diesem Jahrtausend sind, vermutlich meist nicht unbeeinflusst von Radiohead, im United Kingdom mehrere Bands aufgekommen, denen man eine spezifisch britische Artiness zuzuschreiben geneigt ist: Alt-J, Django Django, Foals. Auch das aus Manchester stammende Quartett Everything Everything um Songwriter, Sänger und Multiinstrumentalist Jonathan Higgs gehört dazu.

Diese Bands verdanken ihren Kunst-Appeal nicht traditionellen Merkmalen wie Virtuosentum - daher haben sie auch eher wenig mit Progressive Rock im klassischen Sinn zu tun -, sondern viel mehr formalen Determinanten: Mit rhythmischer Stringenz, dramaturgischer Strenge, überlegenen Arrangements und natürlich auch reflexiven Texten betonen sie das Durchdachte ihrer Musik gegenüber der Trivialität des durchschnittlichen Charts-Pop einerseits und einer speziell im amerikanischen Rock immer noch gerne gehuldigten Jammen-wir-drauflos-Attitüde andererseits.

Wiederbelebung

Und in all ihrer Eindringlichkeit lässt diese Musik immer auch eine gewisse Distanz - zur eigenen Aussage wie auch zur Hörerschaft - spüren. Stichwort "britisch": "Darauf bin ich noch nie angesprochen worden", sagt Everything-Everything-Drummer Mike Spearman im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Nach kurzer Nachdenkpause: "Ich glaube schon, dass wir sehr britisch sind. Ich denke, am stärksten zeigt es sich in den Texten. Amerikaner tun sich etwas leichter, Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Bei Briten kommt das nicht immer so unmittelbar an die Oberfläche. Aber es gibt einige sehr gute Aspekte an Britishness, etwa den Humor und eine gewisse spielerische Note wie zum Beispiel bei den Beatles. Wenn wir dieser Tradition entsprechen - wunderbar."

"Re-Animator" ist das neue, fünfte Album der Band betitelt und scheint damit perfekt zu den gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialen Post-Lockdown-Wiederbelebungsversuchen zu passen. Das Album war aber schon fertig, als die Corona-Pandemie mit all ihren Folgen über uns hereinbrach. "Ich glaube, viele von Jons Inhalten bekommen einen öffentlichen Widerhall, der ursprünglich nicht abzusehen war", meint Spearman. "Er interessiert sich grundsätzlich für die Gesellschaft und wie fragil sie ist."

Der Titel solle, so Spearman, Energie und Dynamik vermitteln: "Es geht darum, wach und aufmerksam zu sein und Dinge aktiv in die Hand zu nehmen." Dementsprechend ist "Re-Animator" auch musikalisch etwas offensiver als sein Vorgänger "A Fever Dream" (2017) und hat mit "Lost Powers", das wuchtige Keyboards über eine reizvolle Gitarrenschleife aufbaut, einen passenden Einstieg. Textlich spart Higgs nicht mit Sarkasmus: "Come on, you only lost your mind." Du hast deinen Verstand verloren? Ja wenn’s nicht mehr ist?! "Ja, da ist ein Augenzwinkern", lacht Spearman.

"Es zeigt, wie Jon in einem Moment sehr ernst und direkt in der Aussage sein kann, und im anderen ironisch. Man weiß oft nicht, in welchem Modus er sich befindet, und er mag es, Leute auf Trab zu halten." Worum es im Song geht? "Ich war am Text nicht beteiligt, aber ich glaube, es hat mit Leuten wie Trump zu tun, mit bröckelnden Gesellschaften und der Brüchigkeit von Macht."

Mitsing-Refrain

Nach dem Opener wird der musikalische Druck etwas zurückgenommen, um mit der Ballade "Moonlight" auf den Tiefpunkt zu gelangen. Er steigt mit "Arch Enemy" über einen funkigen Groove aber wieder an, sucht bei "Black Hyena" Verbrüderung bei einem Mitsing-Refrain und wird mit "In Birdsong" und dem schönen "The Actor" noch einmal leicht gebremst. Am Ende schließt sich der Kreis mit dem donnernden "Violent Sun". Der Song spielt mit der Erwartung des Weltuntergangs, den der Protagonist auf keinen Fall versäumen will.

"Ja, es hat einen apokalyptischen Aspekt", bestätigt Spearman. "Es beschreibt aber auch eine Nacht im Leben einiger Leute, die gemeinsam unterwegs sind. Sie wollen diese großartige Nacht nicht enden lassen. Und da stellen sie fest: Oh, der DJ spielt nur mehr einen Song. Es wird Zeit, zu tun, was notwendig ist, um das Mädchen oder den Typen zu kriegen. Und du warst noch nicht tanzen und hast deine Chance schon fast verspielt. Aber darin ist auch ein hoffnungsvoller Aspekt. Vielleicht ist ja das bisschen Zeit, das noch bleibt, der schönste Moment deines Lebens - je weniger, desto schöner."