Innere (und äußere) Wunden: Sevdaliza. - © Tré Koch
Innere (und äußere) Wunden: Sevdaliza. - © Tré Koch

Dass sich der Albumtitel "Shabrang" ins Deutsche in etwa mit "Nachtfarben" übersetzen lässt und sich gleichzeitig auf ein Pferd aus der persischen Mythologie bezieht, scheint schlüssig. Immerhin geht es auch in der Kunst der 33-jährigen iranischstämmigen Sängerin, Musikerin und Produzentin Sevdaliza darum, einerseits eine Dunkelheit, die in der Seele wohnt, über alle (noch) zur Verfügung stehenden Kraftreserven zurückzuschlagen.

Außerdem unterstreicht die dazugehörige Geschichte des Helden Siyavash aus dem sogenannten Königsbuch "Schahnameh" des persischen Dichters und Epikers Firdausi aus dem frühen 11. Jahrhundert, einem der größten Literaturschätze des Iran, auch den kulturellen Hintergrund, der aus diesen Liedern funkelt.

1987 als Sevda Alizadeh in Teheran geboren, im Alter von fünf Jahren mit ihrer Familie in die Niederlande geflüchtet, ist über die Musikerin biografisch nicht sehr viel mehr bekannt als ein Vorleben als angehender Basketball-Profi und Mitglied der holländischen Damen-Nationalmannschaft. Wie man sich auch in den auf Hochglanzbasis in Richtung Konzeptkunst inszenierten, sehr gerne Themen wie Identität, Weiblichkeit und Körper umkreisenden Musikvideos der Künstlerin überzeugen kann, hat sie die Statur dafür mitgebracht.

Stimmmodulationen

Körperlichkeit vermittelt ihre Musik übrigens auch, ohne uns auf den Dancefloor zu bringen: Bis auf "Darkest Hour", in dem ein einschlägiger Synthiebass die Metamorphose des Songs zu einem (aber auch hier nicht zu flotten) Dance-Track auslöst, bevorzugt Sevdaliza lieber das getragene Tempo als den Sturm auf den Club - in den sie wiederum ästhetisch-konzeptionell sehr gut passen würde.

Die 15 neuen Songs ihres soeben erschienenen, wie das Debüt "ISON" vor drei Jahren mit mehr als einer Stunde Spielzeit abermals großzügig bemessenen zweiten Albums jedenfalls werden von der Musikerin als "love letter to myself" bezeichnet. Das muss man allerdings einmal ebenso aus den, nun ja, nicht vordergründig positiven Texten herauslesen können wie die Thematisierung der angespannten Beziehungen zwischen den USA und ihrem Heimatland im stark von Autotune-Gesang und Stimmmodulationen gekennzeichneten "Oh My God", mit dem Sevdaliza an ihren ersten auf Farsi eingesungenen Song "Bebin" von 2017 anknüpft, einer Verhandlung der damals durch den US-Präsidenten Donald Trump erlassenen "Executive Order 13769" vulgo "Muslim travel ban".

Geisterchöre

"Joanna, please stop loving me / I am too sensitive / Joanna, darling, lift my spell / I dream in broken images": Gleich der Auftakt mit dem edel ausstaffierten "Joanna" aber erklärt, dass es bei Sevdaliza vordergründig um Krisen der Innerlichkeit und des Herzens - und deren Überwindung - geht. Dazu setzt es im Wesentlichen den heute stärker songzentrierten hauntologischen Future-R&B von Acts wie FKA twigs oder Arca mit Streicherbeigaben aus dem Mittleren Osten, verschleppten Trip-Hop-Beats und Restspuren Londoner Bassmusiken, neben denen auch bettschwere Klavierakkorde aus der Hotelbar, etwas Sperrstunden-Kontrabass und durch den Hallraum gespensternde Geisterchöre jederzeit möglich sind. Anspielungen an etwa die Björk der Alben "Post" und "Homogenic" oder an Portishead fallen kurz, aber explizit aus. Gerade eingangs darf man sich zusätzlich an den sinnlichen R&B der späten Sade erinnert fühlen.

Nicht nur der fragile elektronische Trauergesang "Habibi" zeigt Sevdaliza als Meisterin ihrer Klasse. Im Fach der klassischen Ballade brilliert sie im Falle von "No Way" auch am kunstliedhaften Rand eines möglichen James-Bond-Titelsongs. Ein überraschendes, ein fesselndes Album. Ein Album des Jahres.

Das Album "Shabrang" von Sevdaliza ist bei Butler Records (CD) und Music On Vinyl physisch erschienen und bei sämtlichen Streamingdiensten verfügbar.