Der Albumtitel erinnert daran, dass der Hauptprotagonist einen für den klassischen "Alternative"-Sektor zumindest nicht alltäglichen Hintergrund mitbringt. Der 1975 in Detroit geborene Musiker Sufjan Stevens beschäftigt sich in seinen Songs - neben der in Zeiten der verlorenen Schäfchen noch gängigeren Spiritualität als Ausweichmöglichkeit und Ersatzreligion - unter anderem auch mit dem weiten Themenfeld der Religion und seinem persönlichen Glauben.

"The Ascension", die Auffahrt, die Himmelfahrt, in Ewigkeit, Amen: Nachdem der überzeugte Eklektiker entlang der Pole Indie-Folk und -Elektronik heuer bereits mit der gemeinsam mit seinem Stiefvater Lowell Brams eingespielten und von der diesbezüglichen Gottmutter Enya beeinflussten instrumentalen New-Age-Arbeit "Aporia" vorstellig wurde, kündet nun auch sein neues Solo- und insgesamt achtes offizielles Studioalbum wieder davon.

Ein Schrei nach Liebe

"I don’t wanna be your personal Jesus / I don’t wanna live inside of that flame / In a way I wanna be my own believer / I don’t wanna play your video game / I don’t wanna put the devil on a pedestal / I don’t wanna put the saints in chains / I just wanna make my life a little easier / I don’t wanna play your video game": Bereits in der Vorabsingle "Video Game" mag es über eine Anspielung an die Kollegen von Depeche Mode und unter Rückgriff auf entsprechendes Vokabular ja recht einschlägig zugegangen sein. Allerdings beschäftigte sich Sufjan Stevens dabei metaphorisch versteckt mit der Aufmerksamkeitsökonomie unserer schönen neuen Social-Media-Welt und den Auswirkungen eines gar nicht so stummen Schreis nach Liebe in Form von Herzbuttons und Likes auf uns alle.

Ob man an dieser Stelle dazu überleiten darf, dass der Musiker bereits die Auftaktsingle "America" als einen "protest song against the sickness of American culture" bezeichnete? "I have loved you like a dream / I have kissed your lips like a Judas in heat / I have worshipped, I believed / Don’t do to me what you did to America." Immerhin ist es schwer bis unmöglich, das mehr als zwölfminütige Schlüsselstück des Albums nicht politisch zu lesen. Man muss es auch und vordergründig als Kritik der politischen Kultur und als Anklage eines Landes verstehen, das Donald Trump zu seinem Präsidenten gewählt hat.

Musikalisch nimmt "The Ascension" das manifeste und das dräuende Unheil auf und spiegelt es als Album der Kontraste mindestens doppelt wieder: Nach dem akustisch gehaltenen Zupfgitarrenfolk von "Carrie & Lowell" von 2015, Sufjan Stevens herzzerreißender wie herzergreifend schöner Trauerplatte für seine verstorbene Mutter, markieren die 15 neuen Songs unter dem an Prince gemahnenden Original-Genie-Hinweis "performed, recorded, engineered, arranged, mixed and produced by Sufjan Stevens" einerseits die Rückkehr des Musikers zur Elektronik.

Händeringend

Andererseits geht es unter besonderer Zuhilfenahme einer Drum Machine und einiger Synthesizer auch darum, allen (himmlischen) Wohlklang mit Störsounds zu konfrontieren. Zwischen Clicks and Cuts aus der Dose und gehäckselten (Vokal-)Samples und -Loops intervenieren also etwa dystopisch gefärbte Beats in friedliche Instrumentalgleitflüge. Doch fürchtet euch nicht: Am Ende werden nicht nur sakrale Chorarrangements dafür sorgen, dass die Himmelspforte weit offensteht.

Auch Songtitel wie "Make Me An Offer I Cannot Refuse", "Run Away With Me" und "Tell Me You Love Me" setzen im Zusammenspiel aus Liebe und Hoffnung bereits auf den Glauben an das Gute. Der Todesstern droht zwar (wie im Falle des in Richtung Sci-Fi-Musical kippenden "Death Star") jederzeit auf die Erde zu stürzen. Hinter der ratlos aus dem Titelstück ragenden Grundsatzfrage "What now?" entscheiden sich händeringende neue Stücke wie "Sugar" letztlich aber auch inhaltlich für den Zusammenhalt und die Zuversicht.

Um die Kirche des Künstlers muss man sich also nicht sorgen. Nur für die Dauer von mitunter 80 erschöpfenden Spielminuten erteilen wir Sufjan Stevens zum Abschluss die Absolution.