Als Hüsker Dü in den mittleren 80er Jahren auftauchten, hatten sie den Effekt eines Tornados: Eine rasende, unerbittliche, von Zorn und Frustration befeuerte Mischung aus Punk, Rock und vereinzelten Speed-Metal-Elementen. Zentrum dieses Infernos war wesenhaft Sänger und Gitarrist Bob Mould, denn wie sich ansatzweise schon in der Endphase der Band und erst recht bei späteren Solo-Aktivitäten herausstellte, pflegte der andere Songschreiber und Sänger, der 2017 verstorbene Schlagzeuger Grant Hart, eine etwas sensiblere Musiksprache. Zwar trat auch Mould als Solist bisweilen leiser, spielte differenzierteren Rock mit Folk-Schlagseite, versuchte sich sogar in Electronica, holte aber - insbesondere als Kopf des erfolgreichen Trios Sugar - immer wieder den Knüppel heraus.

Und nun zelebriert der seit Ewigkeiten trockene, mit Brille, Bart und Glatze professoral aussehende Mould mit seinem 14. Album "Blue Hearts" einen Rausch aus Tempo, Lärm und Wut. Seine heftigste Platte überhaupt? "Es ist jedenfalls das wütendste Album, das ich seit langem gemacht habe - ich würde bis zu Sugars ,Beaster‘ von 1993 zurückgehen", meint Mould im Skype-Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Einen Vergleich zu den Hüsker-Dü-Platten herzustellen, ist schwierig. Ich war viel jünger damals und hatte viel mehr Ärger in mir."

"American Crisis", ein schon länger durch das Internet fegender Schlüsselsong des neuen Albums, stellt indes eine Verbindung einer zwar historisch gloriosen, aber nie persönlich als glorios erlebten Vergangenheit - Hüsker Dü waren kommerziell nicht wirklich erfolgreich und lösten sich wegen gravierender persönlicher Differenzen zwischen Mould und Hart 1988 auf - und der Gegenwart her. Das überrascht auch deswegen ein wenig, weil viele Zeitgenossen des 1960 geborenen Bob Mould die 80er Jahre ja durchaus als auf- und anregend erlebten.

"Als junger schwuler Mann in meinen frühen Zwanzigern war ich einer Regierung ausgesetzt, die den Fakt, dass es eine Epidemie - Aids - gab, ignorierte", versetzt Mould. "Und das war, mit einem charismatischen TV-Entertainer Ronald Reagan als Präsidenten, der stark von den Evangelikalen unterstützt wurde, keine Party (lacht). Nun haben wir Trump, der einen Präsidenten spielt und auch viel Unterstützung von Evangelikalen hat. Und wir haben wieder eine Epidemie. Da sehe zumindest ich starke Ähnlichkeiten: Meine Regierung ist nicht für mich."

Der daraus resultierende Furor ist zugleich Stärke und Schwäche von "Blue Hearts": Einerseits wirkt die Platte als explosiver Energieschub, kann damit aber naturgemäß nicht mehr den Verblüffungseffekt von einst generieren. Dazu stellt sich, bei bescheidenen 34 Minuten Länge, bald ein Gefühl von Gleichförmigkeit ein. Zum guten Ende setzt Mould allerdings ein paar differenzierende Akzente.

Ein starkes Stück

Ein toller Gitarrenlauf etwa pflügt durch "Leather Dreams", und in "The Ocean" reibt sich Energie spannungsreich an einer Tempobremse. Und dann natürlich hat Mould definitiv etwas mitzuteilen. Ein im doppeldeutigen Sinn starkes Stück leistet er (sich) mit einer respektlosen Anrufung der himmlischen Obrigkeit in "Forecast Of Rain": "Almighty spirit, so high upon Your holy throne / I have a question so simple to answer, won’t take long / This love thy neighbor thing, does it apply to all mankind? / Or only those who fit neatly inside Your narrow lines?"

Mould glaubt an das gesellschaftsverändernde Potential von Musik: "Sie gibt denen eine Stimme, die kein Gehör bei ihrer Regierung finden. Protest-Musik hat in Amerika eine lange Geschichte. Für die Bewegungen der 60er Jahre, die Bürgerrechts- und die Anti-Vietnam-Kriegs-Bewegung, war Musik unglaublich wichtig. Die Beatles haben die Weltkultur massiv verändert. Rap hat spezifische Ungerechtigkeiten angesprochen, die in den USA jetzt wieder sehr präsent im öffentlichen Diskurs sind. Ich selbst habe Politik nicht oft als Plattform benutzt, aber wir befinden uns in einer prekären Lage. Ich habe eine kleine Stimme und mache Gebrauch von ihr. Denn was Gutes würde es tun, wenn ich nichts sage, Trump wiedergewählt wird und die Situation so schlimm wird, dass ich gar nicht mehr die Möglichkeit habe, etwas zu sagen?!"