Geschafft. 14 Wochen Platz eins in den USA, vier Millionen verkaufte Singles im Land, und auch sonst überall auf den Chart-Gipfeln dieses Planeten. Welt, merk dir diesen Namen: Los del Rio!

Los del . . . wer?

Zur Erinnerung: Los del Rio zeichneten für den Sommerhit des Jahres 1996, "Macarena", verantwortlich. Genaugenommen hatte das frivole Tanznümmerchen der beiden betagten Spanier Antonio Romero Monge und Rafael Ruiz Perdigones schon 1993 die Hitparade ihrer Heimat erobert. Dann aber richteten zwei junge Produzenten den Ohrwurm für den Weltmarkt zu, der Rest ist Discogeschichte.

Eine Geschichte, die allerdings auch bald endete. Stimmt zwar: "Macarena" dröhnt bis heute über die Tanzflächen der Ü-30-Partys und löst dort noch immer die seinerzeitigen Tanzschritte aus. Dennoch: Los del Rio blieben dem Weltmarkt einen weiteren Schlager schuldig. "Macarena" ist mithin das, was man landläufig in einer seltsamen Mischung aus Ab- und Anerkennung ein One-Hit-Wonder nennt.

Eine Frage der Perspektive

Aber was ist das eigentlich? Der heutige Freitag lädt ein, das wohlfeile Wort einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn der 25. September gilt als der weltweite "One Hit Wonder Day". Ein Rock-Journalist hat sich den Ehrentag angeblich ausgedacht, um den vielen Zu-Kurz-Gekommenen der Hitparaden ein paar Ruhmesminuten extra zu schenken.

Aber ist das alles nicht leichthin erklärt? Sollte man nicht lieber über etwas anderes nachgrübeln? Vielleicht ja über die Sinnhaftigkeit eines Welttag-Kalenders, in dem nur noch der Tag des Rollmopses, der Tag der Unterlassungsklage und der Welttag des Welttags fehlen? Könnte man auch. Dennoch - bei näherer Betrachtung ist die Diagnose des One-Hit-Wonders gar nicht so leicht. Tatsächlich ist es nämlich eine Frage der Perspektive, in mehrfacher Hinsicht.

Zum Beispiel eine Frage der Zeit. Kurzer Ausflug in die Opernwelt: Dort trägt "Pagliacci", bekannt auch als "Bajazzo" (1892), dieses Etikett. Das ist nicht ganz verkehrt: Das Drama mit dem Weltschmerz-Ohrwurm (von Queen im Intro zu "It’s A Hard Life" zitiert) war das Trumpfass im Portfolio von Ruggero Leoncavallo. Es stimmt allerdings nicht, dass der füllige Italiener sonst am Gusto des Publikums vorbeischrieb. Seine "Zazà" (1900) ist nach der Uraufführung durch die führenden Opernhäuser gewandert. Und das Stück macht noch heute bella figura, wie das Theater an der Wien derzeit in einer beachtlichen Aufführungsserie beweist (noch bis 27. September zu sehen). Vermutlich war es der Zahn der Zeit, der "Zazà" und Konsorten aus dem Repertoire herausgebissen hat, bis von Ruggero Leoncavallo nur noch "Pagliacci" übrigblieb.

Aber gut - man sollte das One-Hit-Wonder vielleicht besser auf seinem angestammten Terrain betrachten, in der Popwelt. Doch auch dort erweist sich das Stigma als seltsam diffus. Was als One-Hit-Wonder gilt, bleibt es bei genauerer Betrachtung nur selten.

Trittbrett-Erfolg

Chris Molanphy, Journalist des "Slate-Magazine" in den USA, hat das Thema jüngst in einem Podcast aufgegriffen. Unter seinen bizarren Funden: Das Lied "Automatic Man" von einem gewissen Michael Sembello, 1983 auf Platz 34 der Billboard-Charts. Die Nummer ist eine Marginalie der Musikgeschichte, ödes Autoradio aus dem Geist des Synthie-Pop. Und Sembello ist danach auf Nimmerwiedersehen aus der Hitparade verschwunden. Der entscheidende Punkt aber: Der Keyboarder hatte kurz davor ein viel heißeres Eisen im Feuer, nämlich "Maniac". Dieser Reißer, prominent im Film "Flashdance" vertreten und noch heute auf fast jedem 80er-Jahre-Sampler, hatte es an die Spitze der US-Charts geschafft. Darf man "Maniac" ein One-Hit-Wonder nennen - angesichts von "Automatic Man"?


Diese Konstellation ist kein Einzelfall. Kaum ein vermeintliches One-Hit-Wonder blieb ohne Trittbrett-Erfolg. Die Beispiele sind Legion: Carl Douglas ließ nach "Kung Fu Fighting" "Dance The Kung Fu" (1974) krachen, die singenden Latzhosen von den Dexys Midnight Runners hoben nicht nur mit "Come On Eileen" (1982) die Laune, sondern ein wenig auch mit "Celtic Soulbrothers", Ghetto-Prätendent Vanilla Ice schoss "Ice Ice Baby" (1990) eine Cover-Version von "Play That Funky Music" hinterher, und Haddaway ballte seine Armmuskeln nicht nur für den Dancefloor-Böller "What Is Love" (1993), sondern auch für die Blaupause "Life" recht erfolgreich. Kurz: Das vielzitierte One-Hit-Wonder ist tatsächlich meist ein eineinhalbfaches. Die Ursache ist wohl in der Betriebslogik der Medienwelt zu finden: Ihr Rampenlicht leuchtet nicht nur den Lieferanten eines Überraschungshits grell an, sondern kommt auch seinem nächsten Lied zugute - selbst wenn das unter anderen Bedingungen ein Blindgänger gewesen wäre.

Fragt sich freilich: Wie hoch muss dieser Zweiterfolg in den Charts klettern, um dem Vorgänger das Etikett "Glückstreffer" zu ersparen? Der Journalist Molanphy hat auch darüber nachgedacht und zieht die rote Linie bei Rang 40. Bemerkenswert: Selbst dann erweisen sich aber nur wenige vermeintliche One-Hit-Wonder als solche. Zum harten Kern in den USA zählen: "It’s Raining Man" der Weather Girls (1982), die Jodelorgie der 4 Non Blondes "What’s Up" (1993), aber auch Bobby McFerrins "Don’t Worry, Be Happy" (1988).

"Eintagsfliege" Nena

Apropos McFerrin. Erstaunlich ist auch: Der Stimmathlet wäre nicht der Einzige, der unter diesen Kriterien mit dem ungeliebten Stigma belegt würde. Die enge Definition würde auch einige Heiligtümer zu One-Hit-Wonders stempeln - Lieder, die es aus Prestige- und Provenienzgründen nicht sein dürften. "All Along The Watchtower" etwa in der Fassung von Jimi Hendrix (1968), "Walk On The Wild Side" von Lou Reed (1972). Das wäre nicht nur ein Affront für Fans, sondern eine allgemeine Irritation: Der Sänger des One-Hit-Wonders gilt ja als Antipode des ernsthaften, stilprägenden Künstlers. Nur: Wer Musik nach Zahlen misst, muss auch solche Ergebnisse akzeptieren.

Wobei sich da natürlich noch eine Frage stellt: Woher nimmt man diese Zahlen? Alles bisher Gesagte gilt lediglich für die Billboard-Charts - die natürlich kein Richtmaß für die ganze Popwelt sein können. Wer klein in Übersee ist, muss es im Rest der Welt längst nicht sein. Siehe Take That: In Europa erfolgsverwöhnt, erklomm die Bubenband die US-Charts nur mit "Back For Good". Oder Nena, im Deutschland der 80er Jahre eine Konstante neben echten Eintagsfliegen wie Ixi ("Knutschfleck"). Dennoch: In die USA sind nur ihre "99 Luftballons" geschwebt. Und auch Falco, die selige Übergröße aus Wien, war in Übersee ein Paar Nummern kleiner. Wobei zur höheren Ehre Hans Hölzels festzuhalten ist: Ein One-Hit-Wonder blieb er auch in den USA nicht, dank "Amadeus" auf Nummer eins und "Vienna Calling" 17 Ränge tiefer.