Als klassische Mogelpackung kann man das Album zwar nicht bezeichnen. Schließlich bekommt man mit den 15 Songs, die die US-"Band" Fleet Foxes auf "ihrem" jüngsten Streich mit dem Titel "Shore" (Anti Records) reicht, exakt das geboten, was man von ihr gewohnt ist (und auch erwartet): harmonisch besungenen Folkrock mit Wurzeln in den 1960er und 70er Jahren und das gewisse West-Coast-Feeling eines Roadtrips mit nassen Haaren im Fahrtwind.

Als Etikettenschwindel aber könnte man sehen, dass, was nach wie vor mit Fleet Foxes überschrieben wird, im Wesentlichen nur mehr Robin Pecknold beinhaltet. Der als Sänger, Gitarrist und Songwriter schon immer bestimmende Frontmann des Quintetts hatte noch ein halb fertiges Album in Arbeit, das er sich von der Corona-Krise nicht ruinieren lassen wollte. Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss: Aus diesem Grund auch noch in den Rang des Produzenten aufgestiegen, finalisierte er die Aufnahmen bis knapp vor der unangekündigten Veröffentlichung am vergangenen Dienstag ohne seine Kollegen - teils im Alleingang, teils mit pragmatisch an Bord geholten Erfüllungsgehilfen und Mi(e)tmusikern.

Neben einer Bläserabordnung sind etwa auch Kevin Morby als Gastsänger oder der Nachwuchs des gemeinsamen Musikerkollegen Hamilton Leithauser als Teil eines Kinderchors mit dabei. Für den tröstenden Gemeinschaftscharakter in Zeiten der Heimisolation sorgen außerdem die Stimmleihgaben von mehr als 400 Instagram-Usern, während die US-Regisseurin Kersti Jan Werdal im begleitenden epischen Musikvideo über die Albumlänge von einer knappen Stunde den abermals naturnahen Grundton der Songs visuell übersetzt.

Wider den Erwartungsdruck

Nicht nur das Banddasein der Fleet Foxes wurde übrigens durch Corona durcheinandergewirbelt, auch Pecknold selbst erfuhr eine Wandlung. Nachdem der heute 34-Jährige jahrelang an sich und seiner Kunst gezweifelt und eine bereits angelaufene Weltkarriere temporär wieder hinter sich gelassen hatte, um an der New Yorker Columbia University Literatur- und Kunstgeschichte zu studieren, spricht er anlässlich seiner Arbeit an "Shore" zum einen von einem Wiederaufflammen seiner Liebesaffäre mit der Musik. Zum anderen hätte sich aber auch die Sache mit seinen sozialen Ängsten und dem Erwartungsdruck erledigt, weil ihm seine Probleme im Vergleich zur Pandemie und dem Zustand seines Heimatlandes auf einmal ziemlich klein vorkamen.

Nach Alben mit eher nicht so zuversichtlichen Titeln wie "Helplessness Blues" (2011) oder "Crack-up" (2017) geht "Shore" nun zwar auf die dramatische Situation zurück, als Pecknold einmal von einer Strömung ins Meer gezogen wurde und die rettende Küste plötzlich nicht mehr in Reichweite schien (es ging dann aber eh alles gut und der Sänger muss diesbezüglich nicht auf ein Erweckungserlebnis verweisen wie Cat Stevens alias Yusuf Islam nach einem ähnlichen Vorfall), die Songs selbst aber fallen so positiv aus wie wahrscheinlich seit dem selbstbetitelten Debütalbum der Band von 2008 nicht mehr.

Alles fließt

Es muss sein, Licht muss rein: Robin Pecknold spricht von einem "Rettungsreifen im Ozean der Bad News" und sorgt für eine nahtlose Abfolge der weitgehend entspannten Songs, an deren emotionalen Randbereichen es heute im Extremfall feierlich oder leicht gedämpft zugeht. Zu Bläser- und Streicherspitzen, impressionistisch collagiertem Klavier und kurzen Ausreißern wie einem Vokalauftakt in Hoquetus-Technik gesellen sich andächtige Stoßseufzer sowie Field Recordings von Vögeln und Wellen. Alles gleitet, alles fließt - noch stärker als zuletzt legt Pecknold den Fokus auf das große Ganze, anstatt einzelne Stand-out-Tracks abzuliefern.

Stimmungstechnisch im Vordergrund steht dem Sänger zufolge diesmal ein "glad-to-be-alive kind of vibe". Dass in den neuen Songs mitunter trotzdem gestorben wird - und zwar in Schönheit -, steht auf einem anderen Blatt Papier.