Es sagt viel über den Stellenwert der österreichischen Popmusik aus, wenn deutsche Künstler wie die Hamburger R-’n’-B-Sängerin Preach bei einem österreichischen Label (Problembär Records) veröffentlichen. Bei Ansa Sauermann, der sich von Karrierebeginn an unter die Fittiche von Wanda-Entdecker Stefan Redelsteiner begeben hat, geht die Integrationsarbeit noch weiter: Der Dresdner, der mit Vornamen eigentlich André heißt, lebt mittlerweile tatsächlich in Wien. Das habe ihm, lässt er auf seiner Webseite verlauten, "neue Inspiration geschenkt und gefälligen Formatpop gegen Ecken, Kanten und eine gesunde Wiener Scheissdrauf-Haltung tauschen lassen".

Klanglich ist er auf seinem neuen Album "Trümmerlotte" (Sony/Lotterlabel) nur mehr schwer von "Eingeborenen" zu unterscheiden: Sauermanns Gesang hat einiges von der lässig-melodiösen Tonalität von "Fuzzman" Herwig Zamernik, der die LP zusammen mit seinem Naked-Lunch-Kollegen Stefan Deisenberger auch produziert hat. Tatsächlich präsentiert sich Sauermann auf LP Nummer zwei konzentrierter als auf dem Debüt "Weiße Liebe", das stellenweise ganz gut den Blues auf Deutsch rüberbrachte, sich dann aber auch gerne zwischen Power-Pop und Formatradio-tauglicher Bombast-Ballade verirrte.

"Gesunde Wiener Scheissdrauf-Haltung" aus Dresden: Ansa Sauermann. - © All Artists Agency
"Gesunde Wiener Scheissdrauf-Haltung" aus Dresden: Ansa Sauermann. - © All Artists Agency

Mit leicht angerauter Stimme erzählt Ansa in überwiegend gitarrenbetonten Songs im meist avancierten Tempobereich von surrealen erotischen Abenteuern, verfällt hin und wieder lyrischer Großmannssucht ("Mit meinen bloßen Händen teile ich das Meer / und ich bade in den Pfützen hinterher"), kann aber auch lakonisch sein: "Vor lauter Langeweile schmerzt der Schädel."

Die bemerkenswertesten Debütanten dieses Jahres kommen aus Graz. Rote Augen sind eine sechsköpfige Band um den Sänger und Songschreiber Matthias Krejan, der in Projekten wie The Incredible Staggers oder Sado Maso Guitar Club seine künstlerischen Ambitionen bisher über die englische Sprache transportiert hat. Sein Einstand auf Deutsch ist neckisch "Augenlieder" (Nette Alte Dame Records) betitelt. Rote Augen können ungefähr alles: vom einfachen Uptempo-Rock über Bläser-Rock à la Aeronauten, Funk- und Hard Rock, Weltmusik-Anklänge, Beach-Boys-würdige vertrackte Vokal-Arrangements bis zu astreinem Psychedelic Pop. Dazu hat Krejan, was auch nicht verkehrt ist, von der Schule der Falcos und Bilderbuchs gelernt und legt mit bewusst affektiertem Gesang eine Schwelle zwischen sich und das gemeine Volk da draußen.

Das Problem der abschnittsweise weltmeisterlichen Platte liegt darin, dass öfters die Balance zwischen den einzelnen Elementen nicht stimmt. Die Texte, die - zumal bei dieser Art des Vortrags - unbedingt mitspielen müssten, versickern auf dem Weg zur Hörerschaft. Es soll um Lebensgeschichten gehen? Aha. Es macht die Sache nicht unbedingt einfacher, dass Krejan phonetisch mühsam zu verstehen ist. Dass der Sound aber über inhaltliche Indifferenz hinwegfegt, das macht das Genie der "Augenlieder" aus.

Dialekt-Chansons

Auch Martin Klein kommt nun wieder auf Deutsch daher: Auf seinem (großteils) introspektiven Album "Nachtlieder" (Medienmanufaktur Wien) exerziert er in Songs wie "Alle schlafen noch" oder "Und du bist frei" eine Eleganz, die zeigt, dass Nachdenklichkeit nicht unabdingbar in Depression führen muss.

Zurecht akklamiert wird das Trio SarahBernhardt. Songschreiber und Ukulelist Bernhard Scheiblauer, Sarah Metzler (Harfe) und die bereits als Solistin bekannte Sigrid Horn zelebrieren auf ihrem Debüt "Langsam wiads wos" (Medienmanufaktur Wien) feinsinnig und unprätentiös mehrstimmige Dialekt-Chansons. Zwischen Wienerlied und Rock, der öfter an Stefanie Werger erinnert, bewegt sich die vierköpfige Prater WG auf ihrer Debüt-LP "Im Leo" (Monkey Music).

Wolfgang Schlögl alias I-Wolf (rechts) und Eduardo Raon. - © Anna Nidzgorska
Wolfgang Schlögl alias I-Wolf (rechts) und Eduardo Raon. - © Anna Nidzgorska

Für das Album "Baumgarten" (Seayou Records) wiederum hat sich Wolfgang Schlögl alias I-Wolf diesmal mit dem portugiesischen Musiker Eduardo Raon zusammengetan. Der Titel bezeichnet das Casino Baumgarten - dort wurde dieser wunderschöne, meditative Dialog zwischen Piano und Harfe live improvisiert.

Besonders blöd von der Corona-Krise erwischt wurde bereits im Frühjahr übrigens der Autor Lukas Meschik mit seinem Projekt Moll: "Daheimbleib-Blues" statt Tour. Das ist insofern schade, als er auf der LP "Musik" (Problembär Records) zu Smiths-artigem Pop-Rock Texte "mit literarischem Anspruch" gewitzt und verträglich zu vermitteln weiß.