Dieses Quartett rettet die klassische Rockband für die entsprechende Neigungsgruppe ins dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, bricht ihre Strukturen in grundlegenden Aspekten aber gleichzeitig auf. Immerhin wird bei Culk mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, gelegentlicher Keyboard-Unterstützung und Gesang zumindest an der Oberfläche wertkonservativ und mit deutlicher Schräglage in Richtung Post-Punk und Shoegazing auf eine Weise aufgespielt, die nicht zuletzt ein damit sozialisiertes männliches Publikum 50 plus problemlos erreichen sollte.

Allerdings deklariert Sängerin Sophie Löw, geschlechterparitätisch als weibliches Band-Viertel zur diesbezüglichen Rock-’n’-Roll-Statistik passend zwar in der Minderheit, dafür aber in der Rolle der Frontfrau im Zentrum stehend, nicht nur mit ihren Lyrics eine Sympathie für das goldene Matriarchat. Es geht in den Texten der im Jahr 2017 gegründeten Band mit modernem feministischem Anstrich sehr gerne um die gesellschaftspolitische Großwetterlage der Liebe, also im Wesentlichen eher um die Außen- als um die in der historischen Vorlage ausgeleuchtete, selbstverständlich geschunden-zerrüttete Innenwelt.

Wobei diese natürlich auf das große Ganze zurückstrahlt: Sophie Löws im Kern die Themen Abhängigkeit, Macht, Unterdrückung, aber auch Leidenschaft umkreisende Texte sind schlau genug, um sich nicht der Agitation hinzugeben. Wie bereits bei der Erstvorstellung in Form des Geniestreichs "Begierde/Scham", einer intensiv-intimen Annäherung an das Themenfeld des dräuenden Begehrens und der, nun ja, gefährlichen Liebschaften unter Inspiration von Simone de Beauvoir, geht es in den meisten Texten Löws darum, vor allem den Graubereich auszuloten.

Nach dem erst im Vorjahr erschienenen selbstbetitelten Debüt ändert sich daran auch auf dem nun vorliegenden, von Tausendsassa Wolfgang Möstl produzierten Nachfolger "Zerstreuen über euch" (Siluh Records) wenig, wobei bereits "Ruinen" als erster Vorbote den direkteren Weg einer #MeToo-Erzählung einschlug. Streng konzeptionell, ästhetisch und minimalistisch angeordnet, geht es mit Vorliebe zum Umbruch anstatt zur Stromlinie in knappen Drei- bis Vierminütern musikalisch darum, beim Durchschreiten karger Landschaften mit kalt-klirrenden Gitarren irgendwann zur Reinigung anzusetzen.

Ein rettender Melodiebogen oder ein gewaltiges Donnerwetter reißt letztlich auch Sophie Löws bevorzugt bettschweren Vortrag aus einem möglichen Tagtraum. Überhaupt bleibt diese einerseits auf die große Theaterbühne verweisende, genuschelt-gewispert als Mysterium aber auch zum Rätseln und Raten einladende Stimme das große Alleinstellungsmerkmal der von Johannes Blindhofer (Gitarre), Benjamin Steiger (Bass) und Christoph Kuhn (Schlagzeug) komplettierten Band.

Sprache und Ohnmacht

Auf neun Songs mit gelegentlichem Hang zu aus dem Kunsthandwerk geborgten Titeln ("Bronzeguss", "Deine Rahmung") geht es in 34 dringlichen Spielminuten also um Dominanz und den männlichen Blick auf den weiblichen Körper ("Er sagt, er sagt an, er schreit / ,Das ist gut, das gefällt mir‘"), um Manipulation und Befreiung ("Normen kennen, um nicht durch Unwissenheit zu verbrennen / Du musst erst benennen, um zu erkennen / Um davor wegzurennen zu können") oder um Sprache und Ohnmacht ("Du verschweigst mich und du begreifst nicht / Deine Sprache, sie ertränkt meine Worte").

Mit vorsichtigem Ennio-Morricone-Twang zu zartem Pochen hat man bei "Starrsinn und Wahnsinn" außerdem einen Satz über ein Beziehungsende gehört, der auch auf die Musik selbst zutreffen könnte: "Manche Lieder klingen am schönsten in ihrer Abstraktion." Damit erweisen sich Culk abermals als musikalischer Glücksfall.