Kenne Sie Albanien? Wenn Sie diesem südosteuropäischen Land die Hauptstadt Tirana zuordnen können, dann gehören Sie schon zu den Albanien-Experten. Denn das Land mit den knapp 2,9 Millionen Einwohnern ist in der legendären US-Satire "Wag the Dog" (1997) nicht umsonst von Wahlkampfleiter Robert De Niro zum Terror-Aggressor und darob Invasionsgrund für einen US-Präsidenten auserkoren worden, "weil es halt keiner kennt". Der Präsident im Film muss um seine Wiederwahl fürchten und braucht daher Erfolge; was lag da also näher als einen fiktiven Krieg anzuzetteln, mit weinenden Kinderaugen, gedreht im ausgebombten Dekor in einem Hollywood-Studio. Echte Fake-News eben.

Doch darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Denn Albanien hat völlig zu Unrecht den angeblichen Status eines unbekannten Landes. Ja, vielleicht ist das Land, dessen westlichster Punkt kaum 40 Seemeilen vom Stiefelabsatz Italiens entfernt liegt, nicht gerade für seine Küche, Kultur oder Wirtschaftsleistung bekannt (wiewohl Küche und Kultur sehr reich sind), aber es gibt andere Exportschlager: Die derzeit erfolgreichsten Pop-Stars der Welt stammen nämlich - aus Albanien.

Ava Max möchte Lady Gaga vom Thron stoßen. Outfittechnisch gelingt ihr das schon. - © afp
Ava Max möchte Lady Gaga vom Thron stoßen. Outfittechnisch gelingt ihr das schon. - © afp

Sie heißen Ava Max, Dua Lipa, Rita Ora oder Bebe Rexha, und das sind nur die bekanntesten Namen, das ist die Spitze des Eisbergs. Inzwischen beherrschen die Damen das Pop-Parkett weltweit. Den Anfang machte Rita Ora mit Songs wie "How Do We (Party)" (2012) oder "I Will Never Let You Down" (2014), die beide Nummer-1-Hits in den USA wurden. Hierzulande kennt man Ora vor allem wegen des "Fifty Shades"-Titelsongs "For You".

Guter Pop braucht Unverwechselbarkeit

Mit Dua Lipa trat ab 2015 eine weitere Hit-Sensation auf den Plan; einst Mitarbeiterin in einem Londoner Nachclub, verbrachte die heute 25-jährige Sängerin die Stunden nach Dienstschluss mit Songschreiben. Sie gelangte weltweit zum bislang größten Ruhm aller albanischstämmigen Sängerinnen, mit Songs wie "Be the One" (2015), "Hotter than Hell" (2016), "One Kiss" (2018) oder "Break My Heart" (2020). 24 Singles und zwei Studioalben hat Lipa bislang herausgebracht.

Mit Ava Max steht die 26-jährige "Nachfolgerin" von Dua Lipa schon bereit: 15 Singles, ein Album, die Megahits "Sweet But Psycho" (2018), "So Am I" (2019) oder aktuell "Kings & Queens" und "Who’s Laughing Now" (2020) sind bislang erschienen - und dann ist da noch ihre Frisur: Die linke Seite kurz geschnitten, die rechte wallend lang. Die Popwelt braucht halt Unverwechselbarkeit.

Genau diese Unverwechselbarkeit haben die genannten Künstlerinnen insgesamt schon, zueinander ist der Unterschied hingegen oft nicht so groß. Vielleicht liegt das auch daran, dass alle aus demselben Kulturkreis stammen und darob doch irgendwie auch ähnlich klingen. Vor allem, weil auch noch die vereinheitlichende internationale Weichspülung über die Songs drübergeht, bevor sie radiotauglich sind.

Jede Musikströmung im Pop hat ihre Zeit, und so lassen sich die letzten beiden Dekaden ganz gut herunterbrechen auf gewisse, eingängige Melodien, deren permanente Repetition und Variation schließlich das jeweilige Stilmerkmal dieser Mini-Pop-Epochen herausgearbeitet haben. Ende der 90er Jahre wurde der Italo-Dance zu einem weltweiten Club- und Chartsphänomen, weil er tanzbare Rhythmen mit melodischen Refrains kombinierte, nach denen sich die Clubkultur nach Jahren des eher eintönigen Techno-Beats scheinbar verzehrte. Die Hymnen von damals, sie erklingen bis heute im Radio: Gigi D’Agostinos "L’Amour toujours" ist Sehnsuchtssong derer geblieben, die damals 20 waren, inzwischen feiert der DJ selbst ein Comeback.

"Blue" von Eiffel 65 taucht nunmehr in einer lounge-igen, ruhigen und von einer unerfüllten Liebe handelnden Neuauflage der schwedischen Sängerin Nea als "Some Day" in den Charts auf.

Superstars mit Migrationshintergrund

Nach Ende des Italo-Dance wanderte der Clubsound-Geschmack weiter nach Osten. Aus Rumänien stammten zwischen 2009 und 2014 die meisten erfolgreichen Pop-Danceacts, ihre zwei Hauptvertreterinnen Alexandra Stan und Inna sind allerdings hierzulande auch nur mehr den Hardcore-Fans geläufig.

Seit 2012 übernehmen zusehends die albanischen Musiker das Ruder des zeitgemäßen Pop-Sounds. Der Unterschied: Diese Übernahme findet nicht aus dem Ursprungsland selbst statt, sondern geschieht in London oder Los Angeles. Es ist also ein vermutlich nachhaltigerer Trend.

Das hat einen migrationspolitischen Hintergrund: Die meisten der neuen Superstars sind entweder in Albanien geboren und flohen als kleine Kinder in den Wirren der kriegerischen Auseinandersetzungen am Balkan mit den Eltern ins Ausland, oder - wie im Fall von Dua Lipa und Ava Max - sie kamen überhaupt erst an der Fluchtdestination der Eltern zur Welt. Dua Lipa erblickte 1995 als Tochter zweier Kosovo-Albaner das Licht der Welt in London. Kollegin Ava Max kam 1994 als Amanda Koci in Milwaukee, Wisconsin, zur Welt. Rita Ora wurde 1990 in Pristina im Kosovo geboren, ehe die Eltern mit ihr als Kleinkind im Gepäck nach London auswanderten. Bebe Rexha, 1989, in Brooklyn, New York, geboren, hat ebenfalls albanische Eltern.

In der Musik dieser Popkünstlerinnen mischen sich verschiedenen Einflüsse durchaus in radikaler Weise. Zwar erfüllen all ihre Songs die Vorgaben weltweiter Radiotauglichkeit, die Musikproduzenten hinter den Sängerinnen sind aber clever genug, ihren Schützlingen auch musikalisch ein Stück albanische Identität abzuringen, was den Sound wiederum speziell machen soll. Gerade in Albanien spielt die traditionelle Volksmusik im gesellschaftlichen Leben eine große Rolle. Sie gliedert sich in zwei Pole: Im Süden ist iso-polyphone Musik typisch, eine Tradition, die es sogar bis ins Unesco-Weltkulturerbe geschafft hat: Einflüsse der türkischen Musik des Osmanischen Reiches sind prägend gewesen. Im Norden sind homophone Musik mit epischen Liedern besonders beliebt, und wer Ava Max‘ "Kings & Queens" genauer hört, vermag Spuren dieser nördlichen Tradition hierin zu erkennen. Für westliche Ohren klingt vieles in der traditionellen albanischen Musik nach Folklore, die Melodien sind eingängig und von einer Ernsthaftigkeit erfüllt, die manchmal sogar traurig wirkt. Anders gesagt: Diese Volksmusik ist nicht um jeden Preis fröhlich, ganz anders also als das, was uns hierzulande im Volksmusik-Mainstream geboten wird. Viele Stücke klingen mehr nach einem Wehklagen, manchmal sind es stimmlich herausfordernde Gesänge und die Melodien sind einprägsam.

Diese Tradition in die Popwelt zu übersetzen, ist der Trumpf der albanischen Erfolgswelle in den Charts. Die selbstbewusst auftretenden Sängerinnen sprechen in ihren Texten jugendaffine Themen an, es geht um Beziehungen, um soziale Medien und die Probleme, die sich daraus ergeben. Heiterkeit klingt anders, das setzt sich auch in den oftmals nach Moll kippenden Melodien fort. Manche Texte sind selbstkritisch, es geht um Selbsthass, um Eifersucht, um Liebeskummer. Eine Popwelt, in der nicht alles nur glitzert.

Schrille Auftritte und stolze Heimat

Dafür ist der öffentliche Auftritt von Dua Lipa, Ava Max und Co. umso schillernder. In ihren Videos scheinen sie einen Wettlauf gestartet zu haben, wer das Erbe von Lady Gaga antreten darf, deren letztes Album eher verhalten aufgenommen wurde. Schon machen Gerüchte die Runde, Ava Max könnte Gaga, die Pop-Queen, ein Titel, den es seit Madonna und Britney Spears regelmäßig neu zu vergeben gibt, vom Thron stoßen.

In Albanien und im Kosovo ist man jedenfalls mächtig stolz auf die Exportschlager in den internationalen Charts. Und die Sängerinnen selbst? Sind auch stolz auf ihre Herkunft. Dua Lipa zog sich deshalb schon herbe Kritik zu, Ethno-Nationalismus zu propagieren, als sie auf Instagram eine Landkarte von "Groß-Albanien" postete, die die breite Verteilung albanischer Wurzeln am Balkan zeigte und mit dem Satz "Warum der Kosovo niemals Serbien sein wird" betitelt war.

Die in den USA geborene Ava Max wiederum bezeichnet sich in Interviews gerne als "hunderprozentige Albanerin", die ihrer "Heimat" gerne "etwas zurückgeben" will.

Als Botschafterinnen ihrer Kultur in der Welt haben die Pop-Ladies großen Erfolg. Es dürfte also bald schwieriger werden, Albanien als Fake-Kriegsziel in einem US-Wahlkampf zu benutzen, weil es "keiner kennt". Zum Glück war das damals ja nur ein Film.