Gerade erst wurde in der Biografie Matt Berningers ein überraschendes Kapitel aufgeschlagen. Der Sänger, Texter und Frontmann der 1999 gegründeten Band The National aus Cincinnati, Ohio, ist als Protagonist einer Sexszene vorstellig geworden. In Hinsicht auf jetzt vielleicht vor dem geistigen Auge auftauchende Trugbilder im Zeichen von Sex und Drugs und Rock ’n’ Roll gilt es allerdings anzumerken, dass es im Wesentlichen ohne sein Zutun zur Sache ging.

Der Mann mit der Dichter- und Denkerbrille (macht Dichten und Denken eigentlich sexy?) wurde in Demi Moores erotischem Hausfrauenpodcast "Dirty Diana" zur Fantasie und zum Objekt gemacht. Ob Tiernamen im Spiel waren, ist nicht bekannt. Jedenfalls scheint ihm die Sache auch so eher unangenehm zu sein.

Grau meliert

Immerhin hat sich der gefeierte Rockstar aus Alternative-Kreisen nach Ochsentouren durch zwielichtige Clubs bei eher nicht so gesundem Lebensstil als Dad einer heute 12-jährigen Tochter mit der Zeit eine gewisse Seriosität antrainiert. Bald schlafen, früh aufstehen, Rotwein direkt aus der Flasche zwecks Rockstar-Glaubwürdigkeit nur mehr auf der Bühne. Wer braucht eigentlich Jeans und T-Shirt, wenn er auch einen zum grau melierten Bart ohnehin angemesseneren Dreiteiler tragen kann?

Im Februar wird Matt Berninger übrigens 50. Er kommt langsam also in ein Alter, in dem man froh sein kann, überhaupt noch als Sexobjekt durchzugehen. Die Wunderwelt der Hochglanzwerbung mag uns diesbezüglich zwar das Bild vom gut wie Rotwein gereiften und nicht zuletzt finanziell potenten Best Ager auf dem Höhepunkt seiner Berufslaufbahn vorschlawinern. Als gelernter Österreicher erinnert man sich aber auch noch an eine Zeit der Eisenbahner-Frühpension, in der Matt Berninger bereits tagein, tagaus beim Branntweiner sitzen würde, um dort über die jungen Leute von heute zu schimpfen.

Mit gerade noch 49 hat sich der Sänger ganz im Gegenteil aber für ein Dasein als Workaholic entschieden. Nach zuletzt drei Studioalben in fünf Jahren (zwei davon mit seiner Stammband, eines bei einem flotten Seitensprung in Gestalt des Projekts El Vy) steht aktuell das Debüt als Solo-Act an. Matt Berninger hat sich dafür an die Hörgewohnheiten seines Dads im Allgemeinen und an Willie Nelsons Coveralbum "Stardust" von 1978 im Speziellen erinnert. Gemeinsam mit dessen Produzenten, der Soul-Legende Booker T. Jones, wurde ein ähnliches Unterfangen gestartet, zugunsten der Arbeit an Originalmaterial für eine spätere Veröffentlichung aber vorerst hintangestellt.

Auf "Serpentine Prison" (Book Records/Concord/Universal) hört man zehn Songs, die eine gewisse Nähe zu The National zwar weder verleugnen können noch wollen. Sie werden mit deutlich mehr Kunsthandwerklichkeit im Zeichen des Heimorgelsolos, etwas eingestreutem Westernwüstenfeeling (mit Mundharmonika!) und einer Extraportion Soulfulness aber in Richtung Memphis-Sound ausgebaut. Glühende Steelgitarren, edle Streicherarrangements und wahlweise schlageresk angelegte oder in Richtung Mariachi-Grenzland getriebene Bläserspitzen lassen Matt Berninger hier als frühspäten Klassiker ganz bei sich selbst ankommen.

Text-Ton-Schere

An den 41 Spielminuten mag dabei vor allem eines überraschen: Mitunter klingen diese mit zahlreichen Sessionmusikern und Gästen wie Matt Barrick und Walter Martin von den Walkmen oder David Bowies ehemaliger Bassistin Gail Ann Dorsey eingespielten Songs heute einerseits wieder feierlich und erhebend, andererseits geht dabei aber manchmal auch die Text-Ton-Schere auf. Neben klassischen Abschieds- und Trennungssongs wie "Distant Axis" oder "One More Second" regiert trotz eines kurzen musikalischen Himmelssturms etwa bei "All For Nothing" die lakonische Depressionsnotiz, Stichwort: "Standing in the quicksand with a smiling face / I don’t mean to bother / I wouldn’t want to ask no one to take my place / Who would take the offer?".

Aber auch trocken wie eine gute Flasche Pinot noir angelegte Vierzeiler wie "I am near the bottom / Name the blues, I got ’em / I don’t see no brightness / I’m kinda startin’ to like this" mit Matt Berninger als geistigem Wahlverwandten Leonard Cohens unterstreichen, dass es für den würdelosen Umgang mit dem neuen Lebensabschnitt hier schon zu spät sein dürfte. Tolle Sache, schöne Herbstplatte!