Eine wahre Flut von "Lost Albums" ergießt sich derzeit über den Markt, eingespielt von verblichenen Ikonen wie John Coltrane, Miles Davis, Thelonious Monk. Ja, hat denn in den Archiven der Jazzlabels über Jahrzehnte der Schlendrian gehaust? Nun ja: Nicht jede dieser "Schatzkisten" musste wirklich aus einem Kellerloch gehievt werden, und manche von ihnen enthält auch Katzengold – wie das obskure Krisenalbum "Fodder On My Wings" von Nina Simone.

Anders steht es um die "Lost Berlin Tapes" von Ella Fitzgerald. Der Mitschnitt aus dem Nachlass von Impresario Norman Granz zeigt die Diva beglückend emotional – und damit eher ungewohnt.

Fitzgerald (1917–1996) galt als Virtuosin des Scatgesangs, die Jazzsongs regelrecht in Koloratur-Arien verwandelte und jeden Ton makellos traf – aber nur selten das Herz des Hörers. Dass dies 1962 vor Berliner Publikum anders war, dürfte der Live-Atmosphäre zu verdanken sein, aber auch einem Makel: Fitzgerald litt an kratzigen Spitzentönen und verzichtete weitgehend auf Scat-Girlanden. Begleitet von einem Trio mit dem versierten Swingpianisten Paul Smith, erweisen sich ihre Melodiebögen umso stärker als Trägermedium der Emotion, vor allem in der Ballade "Angel Eyes" und in der scheinbar totgespielten und hier steinerweichenden "Summertime". Das Publikum verzieh ihr darob auch einen kapitalen Lapsus – dass Fitzgerald vergaß, in welcher Stadt sie gerade sang.