Mit 71 kann man schon einmal nostalgisch werden. Die Ironie bei Bruce Springsteen ist, dass Nostalgie wesenhaft seine ganze Karriere geprägt hat: Seine klassischen Alben "Born To Run" (1975), "Darkness On The Edge Of Town" (1978) und was immer man dem Kanon je nach Lust, Laune und individuellem Gefallen noch hinzufügen mag, waren, während sie inhaltlich die Risse in der Fassade des sogenannten American Dream in Augenschein nahmen, musikalisch durchwegs Huldigungen an eine große Ära der Pop-Musik vor oder jenseits der Beatles; der Musik der Roy Orbisons, Ritchie Valens, Phil Spectors: Sehnsuchtspop, der große Gefühle mit großer Geste zelebrierte.

Natürlich ist das nicht die ganze künstlerische Identität des Bruce Springsteen - bekannt geworden ist er eigentlich als "neuer Dylan", und gerade seine nachhaltigsten Werke, "Nebraska" (1982) und "The Ghost Of Tom Joad" (1995), vertrauen stark der Intensität der Kargheit. Auch genehmigt sich Springsteen ab und zu Ausflüge - sein letztes, recht ansehnliches Album, "Western Stars", streift etwa durch die Prärie -, aber es ist eben jener hymnisch-pathetische Breitwand-Rock, der die Massen in die Stadien lockt.

Diesem Bruce Springsteen erweist Bruce Springsteen mit seinem neuen Album "Letter To You" Reverenz. Das ist nicht etwa ein Betriebsunfall - vielmehr drängt der Mann, der in der Branche "The Boss" genannt wird, den Hörer mit der Nasenspitze zu dieser Deutung. Gegen alles, was in "Zeiten wie diesen" verzagt oder resignativ machen kann - ganz wenig ist es ja nicht -, bringt Springsteen die Macht des Rock’n’ Roll in Anschlag, an die er bedingungslos glaubt und die er ein ums andere Mal inbrünstig beschwört. Mit tausenden Gitarren, Geistern und, wenn’s sein muss, auch Beten.

Dafür hat er, das erste Mal seit sechs Jahren, wieder seine E Street Band ins Studio geholt. Für den 2011 verstorbenen Saxofonisten Clarence Clemons ist kurzerhand dessen Neffe Jake eingesprungen, und es ist schon verblüffend, wie selbstverständlich dieser die Tonalität seines legendären Onkels trifft und Songs wie "Last Man Standing" auf Touren bringt. Ansonsten sind alle Key Player dabei: Roy Bittan, Steve Van Zandt, Max Weinberg, Garry Tallent plus der mehr oder weniger auch zum Stamm-Personal gehörende Gitarrist Nils Lofgren und natürlich Springsteens Ehefrau Patti Scialfa. Dieses Ensemble hat die Platte angeblich in fünf Tagen live im Studio eingespielt.

Springsteen hält also Rückschau und sieht verwaschene Bilder vor seinem inneren Auge vorbeiziehen: Von sich selbst als jungem Raubein, das in Clubs oder im Gewerkschaftssaal versuchen musste, die Leute für sich zu gewinnen; er hört aus mystisch-geisterhafter Ferne die Gitarre und die (offensichtlich nicht unbedingt geschmeidige) Stimme eines verstorbenen Bekannten; und er freut sich auf Traum-Begegnungen mit einem alten Freund.

Gealterte Stimme

Diesem retrospektiven Teil der LP stehen einige seltsame Geschichten gegenüber - wie jene des Mädchens Janey, das einen "Shooter", der in dem Fall als Verbündeter zu verstehen ist, braucht. Oder eine ganz und gar nicht fromme Wild-West-Geschichte mit biblischen Charakteren und Schurken in "If I Was The Priest". Und das sehr dylaneske, ebenfalls mit biblischen Motiven angereicherte "Song For Orphans", das wie ein surrealer Streifzug durch die amerikanische Geschichte und Mythologie anmutet. Diese Songs stammen aus den frühen 70ern und sind insofern also auch vergangenheitsgeerdet.

Und dann gibt es noch einen inhaltlichen Strang, der auf den amtierenden US-Präsidenten zu verweisen scheint. Es ist nur zu verführerisch, im Kriminellen, der "stiehlt, was er doch nie besitzen wird" und dem Betrüger, der dürregeplagten Farmern Regen verspricht, Donald Trump zu wittern. Das liegt indes auch daran, dass korrupte Charaktere ihrer Natur nach äußerst biegsam für Zuschreibungen sind.

Der LP-Abschnitt mit den Songs "Last Man Standing", "Power Of Prayer" und "House Of A Thousand Guitars", deren Energie die gealterte Stimme eher herausstreicht als beeinträchtigt, kann es mit Springsteens besten Platten aufnehmen. Stark ist das Album auch im Abgang. Zwischendurch braucht es auch einmal Verschnaufpausen. Aber wer würde die einem 71-Jährigen übel nehmen?