Das schöne deutsche Wort "Wunderkind" hat bekanntlich Eingang in die englische Sprache gefunden. Im Bereich der Indie-Musik passt es auf niemanden besser als auf Adrianne Lenker: Letztes Jahr hat sie mit ihrer Band Big Thief erst mit "U.F.O.F." und, nur fünf Monate später, mit "Two Hands" zwei herausragende Alben veröffentlicht, die ohne Übertreibung zu Meilensteinen der letzten fünf Jahre gerechnet werden dürfen.

Doch damit nicht genug, schiebt die 29-Jährige aus Indianapolis, nun als Solo-Künstlerin, erneut zwei Alben nach. Diese tragen die simplen Titel "Songs" und "Instrumentals" und sind in einer abgeschiedenen Hütte in den Bergen von Massachusetts entstanden, in die Lenker sich zurückzog, als die Corona-Pandemie sie zum Abbruch ihrer Europa-Tour zwang.

Die Songs, welche teils für das nächste Big-Thief-Album bestimmt waren, teils erst unter primitivsten Lebensbedingungen in der Natur neu geschrieben wurden, nahm sie im Verlauf eines Monats mit simplem analogem Equipment auf. Dieser Verzicht auf jegliche digitalen Tricksereien passte zur einfachen Umgebung; das Ergebnis ist gleichsam Adrianne Lenker pur. Mit ihrer wunderschönen Stimme singt sie vom Folk beeinflusste Lieder, die meist sehr persönlich und intim sind, wobei die Melancholie, die aus ihnen spricht, zugleich stets als Reaktion auf unsere beschämenden Zeitläufte erkennbar wird.

"Anything", um nur wahllos einen Song herauszugreifen, ist eine gerade in ihrer Schlichtheit ergreifende Meditation über unerfüllte Sehnsüchte, bedrückende Erinnerungen und die stets schnell vorüberziehenden Momente von Glück. Zu Beginn und am Ende jeder Aufnahmesession nahm Lenker auf der Gitarre improvisierte Instrumentals auf, deren beste Passagen das "Instrumentals"-Album bilden. Die vorsichtig sich entspinnende Musik mit ihren Pausen und Naturgeräuschen wirkt wie ein stilles Gegenstück zu den Songs. Zusammen jedenfalls ergeben die beiden Alben ein perfektes Zwillingspaar.