Die Fakten zuerst: Ungefähr zum ersten Mal in der Bandgeschichte dürfte Sänger Farin Urlaub in den letzten Jahren zumindest nach außen hin nicht mehr jünger geworden sein. Bela B hat als coolster Skunk im Silberrückenmilieu jetzt dafür endgültig eine Matte, für die das Stinktier aus der "Bugs Bunny Show" das Vorbild gewesen sein dürfte. Außerdem wird sehr zur Freude der Stammkundschaft dann verlässlich aber eh vorgeturnt, dass es auch im Alter von bald 57 und 58 sowie mit 52,5 Jahren (Farin Urlaub, Bela B, Nesthäkchen Rodrigo González) nicht zu spät ist, die Pubertät noch einmal in die Verlängerung zu schicken. Erwachsen- ist ebenso wie Altwerden erstens überschätzt und gehört zweitens verboten. Es geht neben dem Herumalbern also immer auch darum, nach wie vor möglichst viel Quatsch zu machen - und dabei dennoch Haltung zu beweisen.

Nach der Ankündigung eines nicht mehr erwarteten Comebacks nach achtjähriger Veröffentlichungspause, die einem drohenden Band-Burn-out geschuldet war, in Form des sympathisch-schelmischen Quarantänesongs "Ein Lied für Jetzt" im März dieses Jahres liegt nun mit "Hell" (Universal Music) also das regulär 13. Album der Berliner "Fun-Punk"- und "Deutschrock"-Institution vor: Rettung naht - Die Ärzte kommen!

Der Titel mag uns zwar vor die Frage stellen, ob damit tatsächlich die Hölle gemeint ist oder doch eher das sogenannte Licht, das angeblich am Ende des Tunnels lauert. Deutlich mehr Licht als Schatten regiert allein aber bereits insofern, als sich das Trio in der Auszeit hörbar sehr gut erholt hat. Daran erinnert nicht nur ein zumindest im Song "Achtung: Bielefeld" dann doch nicht zu verleugnender Hang zur Altersgelassenheit im Sinne des genüsslichen "Erduldens" von Langeweile und Ereignislosigkeit, Stichwort: Keine Termine und leicht einen sitzen. Wir hören einen Abgesang auf die Leistungsgesellschaft, der als prokrastiniert-tiefenentspanntes Loblied auf den Müßiggang daherkommt. Vor allem auch klingt das ansonsten sehr aufgeweckte und frische "Hell" mit seinen übrigens von reichlich Schaffensdrang kündenden 18 Songs über weite Strecken eher wie ein Best-of-Album. Der Energiepegel ist hoch, die Melodieseligkeit ausgeprägt, alle Refrains zünden und humorseitig dominiert neben dem Schabernack (mit den anderen!) immer auch die gute alte Ironie - in Bezug auf sich selbst.

Der Mann, der ein Bier wurde

Nachdem "E.V.J.M.F." zum Auftakt mitsamt seinem neumodernden Zeugs wie einem Beat aus der Dose und Farin Urlaubs eingestreutem Auto-Tune-Sprechgesang noch rechtzeitig als gespielter Witz enttarnt werden konnte (und nicht als Dokument einer verspäteten Midlife-Crisis), mag sich dabei wiederholt zwar die Frage stellen, ob das alles ernst gemeint ist. Schließlich sorgt nicht nur der gewohnte Schalk-im-Nacken-Vortrag in Verbindung mit etwa dem Glockenspiel-induzierten Disney-Musical-Sound und einem Songtitel wie etwa "Leben vor dem Tod" diesbezüglich für Skepsis.

Die Themenliste liefert die Antwort wahrscheinlich als relativ eindeutiges Ja zum Jein: Die Unterminierung der AfD mittels Homosexualität, die vor allem in der Boomer-Szene erörterte Frage, warum alle Welt über Beyoncé spricht, aber kein Schwanz mehr über Gitarristen, und Sex in Zeiten der Virtual-Reality- anstatt der rosaroten Brille stehen ebenso auf dem Programm wie ein Ärzte-Remix von Franz Kafkas "Verwandlung": Der Mann, der ein Bier wurde. Die nicht mehr vorhandene oder zumindest akut verwaschene Bedeutung des Begriffs "Punk" im 3. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sowieso: "Du betrügst bei Blinde Kuh / Und du likst die CDU / Hast ’nen Pelzmantel im Schrank / Du bist Punk!"

Neben Stromrockbrettern und Power- und Gitarrenpop bei Songs wie dem auf Stau programmierten Verkehrsfunk von "Das letzte Lied des Sommers" und dem hübschen wie hübsch mitreißenden "Wer verliert, hat schon verloren" setzt es mit Verschwörungstheorien im Dreivierteltakt, einem fotografischen Lebensrückblick auf Reggae-Basis, eingestreuten Flamencogitarren und der Persiflage von irischem Pubrock anlässlich einer testosteronbedingten Mordsschlägerei stilistisch ohnehin sehr viel von allem - und noch einmal mehr.

Immerhin erinnert nicht zuletzt das von einem Hillbilly-Highspeed-Banjo bestimmte "Liebe gegen rechts" daran, dass der von den Ärzten im Jahr 1993 besungene "Schrei nach Liebe" auch im Jahr 2020 durchaus nicht stumm ist.