Als Leonard Cohen im Jahr 1984 sein Album "Various Positions" veröffentlichte, durfte die Hörerschaft noch spekulieren. Womöglich wurden darauf ja tatsächlich verschiedene Positionen vertreten, diverse Meinungen geäußert und unterschiedliche Standpunkte eingenommen. Wahrscheinlich ging es dem ewigen alten Erotomanen ("Don’t Go Home With Your Hard-On", "The Book Of Longing" ...) abseits möglicher Doppeldeutigkeiten aber auch einfach nur um das vielfältige Stellungsangebot, das der Liebesgott uns Menschen geschenkt hat.

Bereits auf Tongefäßen überlieferte bildliche Darstellungen aus dem alten Griechenland (das YouPorn der Antike!) belegen bekanntlich die historische Dimension der folgenden Frage: Warum sich beim Herumvögeln auch auf ewig mit Doggy Style begnügen, wenn man zumindest in biologischer Hinsicht kein Hund ist? Warum immer bloß den Missionar verkörpern, der zu den Seinen predigt?

Natürlich geht es dreieinhalb Jahrzehnte später im auf die schnelle, einfache und auch und vor allem unmissverständliche Nachricht fokussierten Social-Media-Zeitalter sowie nicht zuletzt im Influencer-Milieu um die eindeutige Botschaft. Dass das soeben erschienene neue und übrigens sechste, also sagen wir total ver-sexte Album der US-Sängerin Ariana Grande mit dem Titel "Positions" (Universal Music) Stellung in Sachen Sex und Sexstellungen bezieht, versteht sich also von selbst. Zur Sicherheit hat man für den als zweite Vorabsingle ausgekoppelten Song "34+35" dann aber doch noch ein Zahlenrätsel bemüht, um der Sittenpolizei und den Zensurbehörden ein Schnippchen zu schlagen.

Flüchtig wie ein Orgasmus

Die Lösung für Additionsexperten in Form der 69er-Stellung und Ariana Grandes im Songtext geäußerte, wenn auch nicht ganz so süßholzraspelnd-romantisch, sondern eher körperlich-maschinell formulierte Aufforderung an ihren Boyfriend, die ganze Nacht lang mit ihr Liebe zu machen, geben die Materie vor, in die auch Songs wie "Nasty" später noch eindringen werden. Darin singt die heute 27-Jährige unter anderem über ihre "Designerpussy" - und was ihr Lover damit anstellen darf. Best-, also eher Worst-ofs in Sachen "Explicit content" werden für Hörfaule übrigens bereits auf diversen nicht einschlägigen Websites aufgelistet. Sex ist toll, aber oft auch etwas peinlich.

Ob man die entsprechenden Zeilen nun als feministische Selbstermächtigung oder als sexuell ausgeprägte Variante von Body Positivity interpretiert, liegt natürlich im Ohr der Hörerschaft. Vielleicht hat die, nun ja, Stoßrichtung des Albums auch nur mit der guten alten Tatsache zu tun, dass sich alles gleich besser verkauft, wenn man in Großbuchstaben "SEX" draufschreibt. Schaden kann es jedenfalls nicht. Die 14 von insgesamt 20 Produzenten und gut und gerne acht Autoren pro Einheit zusammengeschraubten Songs gehen zwar nicht voll in die Hose. Sie sind aber beliebig genug, um sich nach erfolgtem Konsum erfolgreicher und nachhaltiger zu verflüchtigen als Erregung nach dem Orgasmus.

Potus im Negligé

Warum sich die beteiligten kreativen Fachkräfte offenbar freiwillig um ihre Jobs bringen wollen, indem sie das Resultat mit im Regelfall je kaum dreiminütiger Fließbandware ohnehin klingen lassen wie das Werk eines Algorithmus, wäre eine eigene Frage. Wir hören sehr viele mit Wispergesang und Koloraturjodlern präsentierte Love-Talks zwischen Trap-Pop, einer guten Portion Schlafzimmer-Soul und jeder Menge Bedtime-R&B mit Augenaufschlag und Streicherbegleitung.

Zwischendurch, wie in der gemeinsam mit Gastsänger The Weeknd geschmachteten Ballade "Off The Table", geht es durchwegs jugendfrei übrigens auch um Liebe, Vertrauen und emotionale Hingabe. Dem Titelstück wiederum gelingt der etwas bemühte dramaturgische "Kniff" nicht so gut, den im Text fokussierten Rollenwechsel von etwa der Hausfrau in der Küche zur Gespielin im Bett (kein Kommentar!) im Musikvideo auf die Metaebene zu bringen. Darin nimmt Ariana Grande als Potus im Negligé plötzlich die Position der ersten US-Präsidentin ein.

Nach den 41 Spielminuten ist es also höchste Zeit für einen Stellungswechsel. Oder um es mit den frühen Blumfeld zu sagen: "Lass uns nicht von Sex reden."