Die Herrschaften von Warner Bros. erkannten die Klasse des neuen Soloalbums, das ihnen Tom Petty vorstellte, sofort. "Es ist großartig", konzedierten sie. Aber auch: "Es ist zu lang."

Der Einwand entbehrte nicht einer gewissen Berechtigung, denn die 25 Songs, die Petty präsentierte, brachten es auf satte 100 Minuten Spielzeit. Auf 15 Songs gekürzt, war "Wildflowers", am 1. November 1994 erschienen, immer noch 63 Minuten lang.

In seinen letzten Lebensjahren hat der 2017 verstorbene Tom Petty, der kürzlich 70 Jahre alt geworden wäre, die Absicht bekundet, das gesamte Material zu kuratieren und zu veröffentlichen. Seine Familie und seine Begleitband The Heartbreakers haben seinem Wunsch posthum in Form eines Boxsets entsprochen: "Wildflowers & All The Rest" betitelt, ergänzt dieses in der "Deluxe-Edition" den originalen Longplayer um die zehn Tracks, die auf der Strecke geblieben waren, sowie um Demos und Live-Versionen. Es gibt viel (exzellentes) Neues zu entdecken.

Ein Mann im Umbruch

Soloalben waren für Tom Petty nie ein Anlass, dramatische Wechsel bei seinen Begleitmusikern vorzunehmen: Auf "Wildflowers" spielte praktisch das gesamte Heartbreakers-Team. Vielmehr gewährten seine drei Alleingänge dem Sänger und Gitarristen moderate Abweichungen vom latent Roots-Rock-lastigen Kurs seiner Stammband.

Die Alben mit den Heartbreakers sind, Pettys charismatischer Dominanz zum Trotz, Ensembleprodukte. Und sie vermitteln durchaus absichtsvoll Rockstar-(Selbst-)Bewusstsein - daher ist ihr Repertoire auch voll von Hymnen wie "American Girl", "Breakdown", "Learning To Fly" oder "Refugee". Pettys Soloalben sind, mit Ausnahme des ersten, "Full Moon Fever" (1989), das unter den Fittichen Jeff Lynnes einen Weg zum gepflegt-niveauvollen Mainstream suchte, viel persönlicher, reflexiver und thematisch konziser: "Highway Companion" (2006) war ein musikalisches Roadmovie. "Wildflowers" zeigt einen Mann im Umbruch, der mit all seinen maximal halbbewältigten Krisen, Anmaßungen und Kläglichkeiten, seinen Begierden und (Sehn-)Süchten den Blick nach vorne gerichtet hat: "It’s time to move on" - "Let’s head on down the road."

Tom Petty (1950-2017) im Jahr 1995. - © Mark Seliger
Tom Petty (1950-2017) im Jahr 1995. - © Mark Seliger

Es ist eine Reise ins Ungewisse, aber keine blinde Reise: "You gotta keep one eye open the further you go". Auch wenn es dabei manches Traurige und Dramatische zu erzählen gibt, ist die Platte, die heute vielerorts als Pettys Meisterwerk gilt, an keiner Stelle depressiv. Dem wirkt zum einen Pettys Stimme entgegen, die sich von ehedem fast penetrantem Näseln zu lieblichem Märchenonkel-Schmelz gewandelt hatte - und da ist zum anderen der eigentümliche Witz des Songwriters, der mit ein paar Joints das innere Rumoren zu sedieren versucht, und der Hunden Flügeln wachsen lassen will. In der Produktion von Rick Rubin, der kurz zuvor in der Arbeit mit Johnny Cash einen quint- essenziellen Instinkt für das große amerikanische Songbook bewiesen hatte, überantwortete Petty seine Geschichten einem weichen, aber niemals glatten Folkformat mit ein paar versprengten Hardrockstampfern als Energie-Injektion.

Die nur mit Gitarren, Mundharmonika und Piano eingespielten Demos, die neben einem nie veröffentlichten Song auch ein Stück enthalten, das erst 2002 auf der LP "The Last DJ" auftauchte, belegen indes, wie gut die"Wildflowers"-Songs in der Substanz sind.

Energetische Bestform

Interessant - und bisweilen recht komisch - sind textliche Abweichungen zu den "offiziellen" Versionen: "Well it’s me who plays the guitar / and it’s him who plays the bass / We’re called the rising sons / We play all over the place / The bassman loves a young girl / who lives down Town Garden Road / She ain’t no good for him / but he don’t seem to know", heißt es da in der Urfassung von "Don’t Fade On Me". Dieses Lied, scheinbarer Inbegriff zwischenmenschlicher Gefühlstiefe, hat also als fast alberner Einblick in das Musikantentum angefangen!

Die Live-CD präsentiert die Heartbreakers in energetischer Bestform, während sich bei den bis dato unveröffentlichten Stücken zeigt, dass auch Tom Petty - ähnlich wie Bruce Springsteen - seine Geister durch sein Werk geschleppt hat. Einer davon ist ein unglücklicher Jugendfreund namens Harry Green, ein anderer eine gewisse Virginia als Archetyp der unangepassten Frau.

Unter diesen zehn Songs findet sich keine einziger schwacher. Das "Problem" war ja nur: Einen solchen gab es auch auf dem finalen "Wildflowers"-Album nicht.