Wie viele Comebacks die Frau mittlerweile gefeiert hat, ist schwer zu sagen. Immerhin blickt Shirley Bassey auf sage und schreibe sieben Karrierejahrzehnte zurück, obwohl sie einmal gesagt hat: "Ich entschied mit 17, mich aus dem Showbusiness zurückzuziehen, weil ich es überhaupt nicht leiden konnte!"

Derzeit allerdings deuten die Zeichen auf ein tatsächliches Lebewohl hin. Im Alter von 83 Jahren sollte es auch einer Diva vergönnt sein, einmal ernsthaft an den Ruhestand zu denken. Zwar erscheint mit "I Owe It All To You" zuvor noch ein weiteres neues Werk der aufgrund ihrer Lebensleistung bereits im fernen Jahr 1999 von der Queen zur Dame Commander of the Order of the British Empire erhobenen Sängerin. Dieses aber wird von der Plattenfirma nun als "grand finale album" verkauft.

Wenn das der Wahrheit entspricht, demonstriert Dame Shirley "DIE Bassey" Bassey übrigens, wie man den Hut standesgemäß und doch mit lebenslang beibehaltener positiv-humoriger Grundhaltung nimmt. Zuletzt sah man die Entertainerin in der ihr eigenen selbstbewussten Pose im goldenen Paillettenkleid, aus dem auch ein dazu passender Mund-Nasen-Schutz geschneidert wurde. Sicherheit ist wichtig, aber Stil auch!


Die vielleicht letzte Rückkehr der am 8. Jänner 1937 als sechstes und jüngstes Kind eines nigerianischen Seefahrers und einer britischen Mutter in Cardiff in einfachste Verhältnisse geborenen späteren Sängerin, die aufgrund gleich dreier Titelsongs für James-Bond-Verfilmungen auf ewig in Verbindung mit dem Doppelnull-Universum gebracht werden wird, trifft hinsichtlich des berühmtesten Geheimagenten der Welt übrigens auf folgende Nachrichtenlage: Zum einen war gerade erst der Tod des großen Sean Connery zu beklagen, mit dem Shirley Bassey ihre regelmäßig zu den besten Bond-Aufnahmen aller Zeiten gekürten Songs "Goldfinger" (1964) und "Diamonds Are Forever" (1971) verbinden. Zum anderen weiß man mittlerweile, dass mit Lashana Lynch im für 2021 geplanten neuesten Streifen "No Time To Die" eine junge schwarze Frau als Agenten-Kollegin antreten wird, die Bond, James Bond, ordentlich einheizen dürfte.

Das müsste Shirley Bassey an sich gefallen. Als ehemalige Fabriksarbeiterin und Pubsängerin, die die Aufmerksamkeit der Plattenindustrie bei ersten Auftritten in Londoner Revuetheatern auf sich lenken konnte, wurde sie nach ihrem Debüt mit der von der BBC boykottierten, da eindeutig zweideutigen Single "Burn My Candle (At Both Ends)" ab 1956 selbst zum jungen, schwarzen und weiblichen Role Model in der damals durch die Bank von alten weißen Männern regierten Musikindustrie.

Nach frühen Klassikern wie "As I Love You" und "Kiss Me, Honey Honey, Kiss Me", dem endgültigen Durchbruch mit der Udo-Jürgens-Komposition "Reach For The Stars" (1961), dem erwähnten Triumphzug im Auftrag Ihrer Majestät und zahlreichen Auftritten an der Speerspitze großer Orchester und Big Bands war Shirley Bassey schließlich in den kommerziell erfolgreichen 1970er Jahren eine gemachte Frau. Die konnte es sich spätestens ab dem Folgejahrzehnt leisten, auf bereits als Elder Stateswoman angetretenen Konzerttouren nach Lust und Laune gefeiert zu werden. Auf die dramatische, gemeinsam mit dem ursprünglich auf Elektropop gebuchten Schweizer Duo Yello aufgenommene Noir-Ballade "The Rhythm Divine" als vermutlich erstes Comeback im Jahr 1987 (!) folgte die Eroberung einer neuen Generation an Musikhörern 1997 mit dem programmatischen "History Repeating" an der Seite der Propellerheads.

Und im Jahr 2009 wiederum schneiderte eine Armada an dienstjüngeren Kollegen um Rufus Wainwright, Richard Hawley oder die Pet Shop Boys Shirley Bassey das ausschließlich aus Originalmaterial bestehende große Alterswerk "The Performance" auf den Leib. Nach dem Album "Hello Like Before" von 2014 folgt nun aber auch "I Owe It All To You" (Universal Music) wieder dem konventionelleren Muster.

Durchhalteballaden

Wir hören mehrheitlich als Aneignungen zu verstehende Coverversionen bekannter, hier lebensreflexiv gedeuteter Hits wie "Who Wants To Live Forever" von Queen, Evergreens wie "Always On My Mind" sowie Broadway-Klassiker und Songs aus dem Great American Songbook ("Maybe This Time" aus dem Musical "Cabaret", Charlie Chaplins "Smile" ...).

Dazu charmiert Shirley Basseys noch immer kräftige Stimme wahlweise auf Basis eines in Richtung Las Vegas trötenden Tanzorchesters oder zu gedämpft-gediegenen Streicherklängen, die prasselndes Kaminfeuer und ins Whiskeyglas klimpernde Eiswürfel vor dem geistigen Auge evozieren. Neben tröstlichen Durchhalteballaden wie Barry Manilows "I Made It Through The Rain" und Lara Fabians schwer nach Trauerflor klingendem "Adagio" ist mit "I Don’t Know What Love Is", Lady Gagas "A Star Is Born"-Duett mit Bradley Cooper, aber auch rezenteres Fremdmaterial auf dem Album vertreten.

Das von Shirley Basseys altem Partner Don Black ("Diamonds Are Forever") geschriebene Titelstück stellt die Vorzeichen als Song gewordener Kniefall vor dem Publikum dann aber auf Abschied, bevor es den pathosschwangeren Karriere- und Lebensbilanzen "I Was Here" (einem Beyoncé-Cover) und dem versunkenen "Music" überlassen ist, das Licht endgültig abzudrehen. Der letzte Vorhang ist gefallen. Auf der Bühne aber bleibt ein Meer aus roten Rosen zurück.