Zehn Jahre ist es her, da hat Kylie Minogue ein Rekrutierungsvideo veröffentlicht. Eine Armee von digital vermehrten Kylies marschierte stramm, um alle Couch-Potatos dieser Welt, die es sich gerade mit Kuschelrock-Flauschmusik bequem gemacht hatten, wachzurütteln: "Your Disco Needs You". Heuer, in einem Jahr, in dem die Tanzflächen so leer sind wie selten zuvor und in dem die Glitzerkugeln traurig einstauben, hat sich Minogue dieser Mission neu entsonnen. Und hat mit dem Album "Disco" Musik für die einsame Lockdown-Party nach dem Motto "Dancing On My Own" abgeliefert.

Nach einem eh unterhaltsamen Ausflug in die Gefilde der Country-Musik 2018 mit sexy Fransen und High-Heel-Stiefel ist die australische Pop-Sängerin hier nun wieder ganz in ihrem Element. Sie hat sogar wieder jene Dauerwelle, trotz der ihr in den Anfängen ihrer Karriere pubertierende Burschen reihenweise heimlich verfallen sind. Die Songs auf "Disco" (Warner) sind allesamt von angemessener Wertschätzung der großen Zeit des Genres, der 70er und 80er, getragen. Obzwar Minogue sich als früher Fan von ABBA bezeichnet und die Lieder der Schweden als ewigen State of the Art einschätzt ("Wenn du einen ABBA-Song nimmst und in seine Einzelteile zerlegst, würdest du ihn wieder exakt genauso zusammensetzen. Man kann ihn nicht mehr verbessern"), klingt ihre neue CD weniger nach "Dancing Queen" als nach Donna Summer und Chaka Khan. Sogar eine Zeitreise ins legendäre Studio 54 unternimmt sie mit dem Song "Dancefloor Darling", Musik, die so klingt, wie ein Neontüllrock aussieht. "I Love It" wiederum kann man sich perfekt als Titelmelodie für eine 80er-Jahre-Krimiserie mit Schulterpolstern vorstellen. Der Geist von Giorgio Moroder muss auf so einer Platte natürlich auch durchwabern, er tut es bereits im Auftaktsong "Magic".

Disco ist Trend

In einem Interview hat Minogue - die die Songs im ersten Lockdown allein zuhause eingesungen hat - erzählt, dass sie immer, wenn die Produktion der Lieder zu sehr ins Elektronische oder Urbane abgleiten wollte, eingegriffen hat. Das Ergebnis ist nun ein Album, das kein Hehl aus seiner Nostalgie macht, keinen Aktualisierungstrends auf den Leim geht, aber trotzdem modern klingt.

Wiewohl Trend aber ein Stichwort ist: Die Australierin ist nicht die einzige, die ausgerechnet heuer auf die Belebung des inneren Dancefloors abzielt. Der britische Chartliebling Dua Lipa arbeitet sich auf dem Album "Future Nostalgia" an der reichen Geschichte der Discomusik ab, mit Bezügen von Chic bis Whitney Houston. Die irische "Queen of Glam" Róisín Murphy geht das Thema auf ihre Weise an, blickt zurück auf die frühe britische Clubszene und singt Zeilen, mit denen sich mancher heutzutage verbunden fühlen wird: "Wie könnt ihr es wagen, mich zu einem Leben ohne Tanzen zu verurteilen?"



Auf Kylie Minogues "Disco" mag sich vielleicht kein so nachhaltig eingängiger Song finden, wie "Your Disco Needs You" oder gar "Can’t Get You Out Of My Head". Aber in unischeren Zeiten zählt die Gegenwart ohnehin mehr als die Zukunft. Und für die Zoom-Tanzparty eignet sich "Disco" einwandfrei. Also ruhig mal die Pailletten-Jogginghose anziehen. Man gönnt sich ja sonst nichts.