"Wenn es aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es wahrscheinlich eine Ente." Der gute alte Spruch aus den Fachbereichen Vogelkunde und Begriffsbestimmung trifft natürlich auch auf AC/DC zu. Wenn es aussieht wie AC/DC und es sich anhört wie AC/DC, dann sind es wahrscheinlich AC/DC. Da nun aber AC/DC immer klingen, wie AC/DC klingen, und dabei auch so ausschauen, als wären sie AC/DC, dauert es im Regelfall auch nur ungefähr zwei Sekunden oder im äußersten Extremfall zwei Takte, bis der Groschen fällt und sich bei der empirischen Feldforschung valide Ergebnisse einstellen wollen: Ah, das sind ja AC/DC!!

Die im Oktober vorgestellte neue Single "Shot In The Dark" etwa klang und klingt auf Punkt und Beistrich so, wie man es von AC/DC erwartet - und wie es sich selbstverständlich auch gehört. Unter ungefähr einer auch in Entenhausen beliebten Fantastilliarde Volt stehende Gitarrenriffs, stures und stur auf die Becken gehendes Dampfhammerschlagzeug, ein Bass, der lässig in Richtung Wochenendausschweifung pumpt, steril niedergebügelte Gruppengesänge, gegen Ende ein geil heruntergenudeltes Solo und dazwischen ein unterkomplexer Text, dem andauernde Exzesse und das sehr wahrscheinlich sexy konnotierte Zünden von Feuerwerksraketen eindeutig näher sind als die sonst üblichen Seniorenfreuden: "A shot in the dark beats a walk in the park."

Im Video dazu beobachtet man Angus Young, wie er auch im Alter von mittlerweile 65 Jahren noch in seiner Schuluniform steckt und sich mit der Gitarre in seiner allseits geschätzten Variante von Chuck Berrys Duckwalk über die Bühne schiebt. Nur Brian Johnson quakt dazu nicht wie ein Erpel und erinnert mit seinem heiseren Pressgesang eher an einen Gockelhahn, dem gerade der Kamm schwillt, während es ihm an die Eier geht: Uuuh-aaaaaah!!! Da ist er wieder, der Urschrei des Rock ’n’ Roll.

Hausarrest und Bierduschen

Weil AC/DC sich also anhören müssen, wie AC/DC sich anhören, und eine Welt ohne AC/DC schlichtweg nicht vorstellbar ist, wurden zur Genese des nun also vorliegenden 17. Albums der Band - nein, des zum mittlerweile 17. Mal veröffentlichten einen Albums von AC/DC - diverse gravierendere Hindernisse überwunden. Malcolm Young, Mitbegründer, Songwriter und Band-Zentralmotor an der Rhythmusgitarre, verstarb im November 2017 im Alter von 64 Jahren nach einer Demenzerkrankung. Bereits zuvor sah sich Sänger Brian Johnson aufgrund eines drohenden Gehörverlusts zum temporären Ausstieg gezwungen. Er wurde durch Axl Rose ersetzt, der seinen Dienst nach einem Knochenbruch etwa auch beim Wien-Konzert 2016 im Rollstuhl versah.

Der als Schlagzeuger angestellte Ober-Schlingel Phil Rudd wiederum wurde nach seiner juristisch bedingten "Auszeit" in Form eines Hausarrests wegen einer Morddrohung und Drogenbesitzes zunächst nicht aus seiner Wahlheimat Neuseeland zurück ins Team beordert. Und Bassist Cliff Williams schmiss seinen Job angesichts des ganzen Theaters vorerst überhaupt hin. Wir sehen, eigentlich gleicht das erneute Comeback der australischen Band in dieser Besetzung (und mit Stevie Young als Ersatzmann für seinen verstorbenen Onkel) einem mittleren Wunder.

"Power Up"-Albumcover
"Power Up"-Albumcover

Entsprechend vehement wird den Verhältnissen und den horrenden Zuständen einer komplett verrückt gewordenen Welt da draußen auf "Power Up" (Sony Music) dann auch mit dem Sturschädl getrotzt. Irgendjemand muss ja die von der Zeit längst überholte Antithese zum sogenannten Zeitgeist verkörpern. Und vielleicht hat es auch tatsächlich sein Gutes, dass AC/DC in einer Welt des permanenten Umbruchs exakt gar nichts ändern, um der Stammkundschaft außer dem guten alten Höllenspaß zumindest etwas Scheinsicherheit und Orientierung zu geben.

Sicherheit kann allerdings auch gefährlich sein: Das Album ist um ungefähr viermal den gleichen Song zu lang, rockt dazwischen aber natürlich gewaltig. Leider erscheint es in Lockdown II zur definitiv falschen Zeit. Die Simulierung der perfekten Stadionkonzertatmosphäre inklusive Hotdog-Ausdünstung, Mobil-WC-Warteschlange und Bierdusche fällt zuhause im Wohnzimmer gar nicht so leicht. Außerdem beschweren sich sonst gleich die Nachbarn wieder, die durch die Decken und Wände hoffentlich, hoffentlich nicht auch noch die Songtexte verstanden haben.

Frauen, die Mama heißen, obwohl sie gar nicht unsere Mütter sind, und einschlägige Songtitel wie "Money Shot" lassen völlig zurecht Übles schwanen. Und was genau uns AC/DC mit einem Song wie "Rejection" sagen wollen ("If you reject me, I’ll take what I want"), das mag höchstens der Teufel wissen.