Es gibt wenige Bands, die der Popmusik je dermaßen krude mit dem Stellwagen ins Gesicht gefahren sind wie das Trio, das sich nach jener Züricher Künstlerkneipe, in der der Dadaismus aus der Taufe gehoben worden war, Cabaret Voltaire nannte. So wie Dada die traditionellen schönen Künste filetierte, so exerzierten die nominellen musikalischen Nachfahren die Zersetzung des Pop in hämmernde Klangblöcke, lose Fragmente und bizarre Fetzen von Lärm. Diese Musik, der man das Prädikat "Industrial" insofern zu Recht umhängte, als sie tatsächlich mit industriellen Geräuschen und Rhythmusstrukturen spielte, trennten natürlich mehrere Universen von Pop-Tugenden wie Wohlklang, Harmonie, Songschemen und dem, was man landläufig mit Gesang assoziiert.

Gleichzeitig unterstrich der namentliche Bezug auf eine außerhalb der Unterhaltungsindustrie verortete Avantgardebewegung auch formal einen - bei experimentellen Arbeiten über kurz oder lang sowieso meist offen zutage tretenden - Kunstanspruch.

Cabaret Voltaire hatten sich 1973 in Sheffield formiert und bestanden aus dem Multiinstrumentalisten Richard H. Kirk, dem "Sänger" und Bassisten Stephen Mallinder und Chris Watson, dem als Lärmerzeuger an damals noch ziemlich primitiver elektronischer Gerätschaft in der Anfangsphase die wichtigste Rolle zukam. Die frühen, zwischen 1974 und 1976 entstandenen Aufnahmen der Band waren wilde Collagen, die mit schrillen Hochtönern und bebenden Verzerrungen noch heute die auditive Wahrnehmung einem validen Schmerztest unterziehen. Das Publikum, das sich damals zu CV-Performances einfand, reagierte mit Aggressionen und pflegte das Trio mit Wurfgegenständen von der Bühne zu jagen. In der Punk-Ära, in der sich der Zeitgeist etwas ihrer Radikalität annäherte, stieg die Akzeptanz von Cabaret Voltaire ein wenig, zumal sich ihre künstlerische Energie nun notdürftig in so etwas Ähnlichem wie Songstrukturen kanalisiert hatte und in meist schnellen, angespannten Stücken entlud.

Ab den frühen 80ern waren Cabaret Voltaire, die nicht zuletzt das Label Rough Trade auf die Beine zu stellen geholfen hatten, Stammgäste in den britischen Indie-Charts. Platten wie "The Voice Of America" (1980) oder "Red Mecca" (1981) sind zum Bersten verdichtete Werke, die maschinell Weltmusikeinflüsse verarbeiten, mit irrlichternden Rocksplittern gegen monotone Sequenzer auffahren und ihr zentrales Thema, das Wirken totalitärer politischer Systeme, durch Stimmsamples manipulativer Agitatoren und einen bösartigen vokalen Vortrag darstellen, der weder Gesang noch Rap ist, sondern eher nach militärischem Kommandogebrüll klingt. Nebenbei lieferten Cabaret Voltaire mit ihrem Underground-Hit "Do The Mussolini" DAF die Vorlage zu ihrem Klassiker "Der Mussolini" und bekundeten in Slogans wie "Spread The Virus" ein unheilvolles Sensorium für zeitloses Verderben.

Serielle Rhythmen

Mit Watsons Ausstieg endete die große Frühphase der Band, die fortan als Duo eine wesentlich verträglichere Richtung einschlug, zunächst in Richtung Dance-Funk steuerte und sich dann an die Chicago-House-Szene schmiss. Zwischen der Auflösung von Cabaret Voltaire 1994 und ihrem "Comeback" in diesem Jahr, das in Wirklichkeit ein Alleingang Richard H. Kirks ist, liegen eine unüberschaubare Anzahl von Solo- und Nebenprojekten der einzelnen Akteure und unzählige Reissues mit Ausgrabungen aus allen Schaffensphasen. Weil Kirk also die Vergangenheit gut dokumentiert weiß, enttäuscht er mit der neuen CV-Platte "Shadow Of Fear" gerne einmal alle, die vielleicht eine Zeitreise in die späten 70er und frühen 80er erwartet haben.

Inhaltlich allerdings ist alles da, was die Paranoia der Stammkundschaft nur begehren kann: Destruktion, Gewalt, Auflösung. Gleich das erste Stück beginnt mit den Worten: "I did it / I killed it", skandiert dann im Befehlston: "Be free!" und fragt am Ende : "Where is your place in this world?"

Die über seriellen Rhythmen und Stimmsamples zu repetitiven Schleifen ineinandergeschachtelten, die Gitarren auf Distanz haltenden elektronischen Klangfragmente sind der musikalische Leitfaden, den Kirk in gewohnt gnadenloser Konsequenz über den Verlauf der LP weg ausspinnt.