Seine Sozialisierung mit dem Radio dürfte den Mann dann doch nachhaltiger geprägt haben, als man es bisher vermuten konnte. Immerhin informiert der US-Produzent Daniel Lopatin derzeit darüber, dass bereits sein Künstler-Alias Oneohtrix Point Never schon immer auf einen Verhörer zurückgeht, der einst den Namen des in Boston beheimateten Senders 106.7 betraf. Außerdem widmet sich der in Brooklyn ansässige Sohn jüdischer Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion der alten Tante Hörfunk auf seinem neuen Album "Magic Oneohtrix Point Never" (Warp Records) nun auch mit künstlerischen Mitteln.

Der heute 38-Jährige ist schließlich in den 80er- und 90er-Jahren aufgewachsen, und man muss das den jungen Leuten von heute erklären: Damals war es gerade noch üblich, in den Abend- und Nachtstunden vor einem Gerät ohne automatischen Suchlauf auf seinen Lieblingssender zuzusteuern, um dort persönliche Lieblingssongs auf einem physischen Tonträger aufzunehmen, der sich Kassette nannte. So hatte man die Musik schon vor Erfindung von illegalen Download- und legalen Streamingplattformen jederzeit bereit, um sich selbst etwas Gutes zu tun - und den Eltern damit gehörig auf die Nerven zu gehen.

Außerdem konnte man davor auch noch diesen tollen, nach frühen Science-Fiction-Filmen klingenden Geräuschen lauschen oder versuchen, dem faszinierenden Rauschen des Äthers geheime Botschaften zu entlocken. Ihr könnt alten Radioapparaten übrigens heute noch zuhören, zum Beispiel auf YouTube. Dort wird unter Überschriften wie "Geräusch eines Radios (Vintage Sound zum Einschlafen und Beruhigen)" allerdings eher die ASMR-Schlagseite dieser alten Kulturtechnik fokussiert, mit deren Hilfe eure Urgroßeltern früher einmal heimlich den Feindsender gehört haben.

"Magic Oneohtrix Point Never"-Albumcover.
"Magic Oneohtrix Point Never"-Albumcover.

Für Daniel Lopatin jedenfalls ist das Radio ein gefundenes Fressen. Es liefert den notwendigen konzeptionell-theoretischen Überbau, der seinen Tracks auf die Metaebene verhilft. Immerhin setzt seine Musik vor allem auf den flüchtigen Charakter, ein gespensterndes Mäandern und ein schnelles Mutieren. Und das Hauntologische und das Sprunghafte dieser Kunst lässt sich gerade auch mit dem Drehregler, dem Zappingtool des Hörfunks, ganz einfach und effektvoll evozieren. So anders waren die jungen Leute früher wahrscheinlich dann doch nicht, wenn sie das Wisch-und-weg-Prinzip von Spotify schon auf den Traktoren der Schallübertragung zur Anwendung brachten.

Echo und Nachhall

Interessant ist Lopatins Festhalten am akustischen Umschaltknopf derzeit übrigens insofern, als die Musik auf seinem neuen Album zumindest streckenweise so manifest und greifbar klingt wie nie zuvor in seinem Schaffen. Angesichts von Stücken wie "Long Road Home", "Nothing’s Special" oder "No Nightmares" muss man zwischen hektisch-frickelnden Instrumentalsuiten und aufgeriebenen Interludes mit elektronisch bearbeiteten Anmoderationen oder dem Wetterbericht beinahe von traditionellem Songwriting sprechen.

Nach Anfängen im Underground, Kollaborationen mit Gleichgesinnten wie Anohni und Arca, der Entdeckung durch renommierte Altvordere wie David Byrne, Soundtracks für gefeierte Kinofilme wie "Der schwarze Diamant" des Regiebrüderpaars Benny und Josh Safdie sowie einer überraschenden Künstlerfreundschaft mit dem kanadischen Multimillionenbestseller The Weeknd ist das wahrscheinlich aber nur konsequent. Nicht zuletzt mit Schreib- und Produktionsarbeiten für dessen im März erschienenes Album "After Hours" bekam Lopatin Einblicke in eine fremde Welt, in der sich mit Musik noch richtig gutes Geld verdienen lässt. Auf "Magic Oneohtrix Point Never" bedankt sich Abel Tesfaye, wie der Pop- und R&B-Star bürgerlich heißt, nun als Gastsänger im Stil einer zärtlich gestimmten künstlichen Intelligenz. Mit dem erwähnten "No Nightmares" könnte, sollte und müsste Daniel Lopatin eigentlich erstmals auch unter seinem eigenen Projektnamen in den Charts auftauchen.

Andere manifeste Songs wie etwa "Lost But Never Alone" setzen mit einer bittersüßen Synthiemelodie und einer ordentlichen Portion Schweinerockgitarre dann bereits wieder auf die Ästhetik der Verwandlung, des Echos und des verwaschenen Nachhalls, im konkreten Fall der 1980er-Jahre. Danach ist wieder der Drehregler an der Reihe - und wir hören eine Aussicht auf das erst dereinst gewesen sein Werdende.