Gute Nachrichten bietet das Album zumindest von außen auch für die alte Tante des Printgewerbes: Auf dem Cover ihres nun vorliegenden Debüts mit dem Titel "Good News" hat die US-Rapperin Megan Thee Stallion zwar exakt gar nichts an, sie verdeckt die neuralgischen Körperstellen aber mit einer Tageszeitung - wahrscheinlich, um sich daheim in Amerika keinen Stress mit den Zensurbehörden einzuhandeln, die da überhaupt keinen Spaß verstehen. Und tatsächlich erweist sich das Trägermedium der gedruckten Nachricht in Form von totem Holz in dieser Hinsicht als wesentlich praktischer als so ein Smartphone, das wiederum die Nase vorn hat, wenn es darum geht, die darauf - nun ja - aus der Hüfte geschossenen Dick- oder Tit-Pics auf Knopfdruck zu (ver-)teilen.

User Xxx****66 findet das geil: Willkommen in der Welt von Megan Thee Stallion, willkommen in der Welt des pornösen Hengstschwengel-Hip-Hops, der sich allerdings als gesellschaftlich relevant und politisch interpretiert sehen will. Immerhin spricht der im Jahr 1995 als Megan Jovon Ruth Pete in Houston, Texas, geborene neueste Rap-Superstar in Zusammenhang mit seiner Kunst in erster Linie von weiblicher Selbstermächtigung mit body- und sexpositiver Botschaft.

"Good News"-Albumcover.
"Good News"-Albumcover.

Für diese wurde im Video zur heuer im Sommer veröffentlichten Hitsingle "WAP" gemeinsam mit Kollegin Cardi B dann halt ausgerechnet in einem Bordell und ordentlich Booty-bouncend sowie entsprechend textilfrei über einen Sturzbach an Körperflüssigkeiten angerappt. "WAP" steht übrigens für "Wet-Ass Pussy" und somit ganz im Sinne des ansonsten den männlichen Genrekollegen vorbehaltenen Angeber-Raps für gesteigerte sexuelle Leistungsfähigkeit, hält im Songtext aber dankenswerterweise bereits Eimer und Wischmopp für uns bereit.

Irgendetwas wird an dem dabei geäußerten Wunsch, beim Oralsex mit übergroßen Geschlechtsteilen ins Würgen zu geraten, zwar ganz bestimmt feministisch sein. Trotzdem wäre es interessant, wie Simone de Beauvoir darüber urteilen würde. Zum Glück für die Sache mit der Aufmerksamkeitsökonomie, der Promotion und dem heute nur mehr schwer zu evozierenden sogenannten Skandal hat sich mit dem Republikaner James P. Bradley dann aber wenigstens noch ein siebter Zwerg von rechts gefunden, über dessen Äußerung, Cardi B und Megan Thee Stallion seien das Ergebnis einer "Erziehung ohne Gott und ohne starke Vaterfigur" zumindest das Netz lachen konnte.

Nach Anfängen auf Instagram sowie nach drei EPs und zwei Mixtapes ging es im Jahr 2020 jedenfalls Schlag auf Schlag: Der virale Triumphzug des Tracks "Savage" auf TikTok sowie dessen nun auch auf "Good News" (300 Entertainment) enthaltene Version mit einem Gastauftritt von Beyoncé ist ebenso zu erwähnen wie die also offenkundig erfolgreiche Marketingstrategie hinter "WAP": Mit mehr als 90 Millionen Streams in seiner Veröffentlichungswoche allein in den USA ist Megan Thee Stallion Rekordhalterin.

Trap aus der Dose

Und auch ein Gerichtsprozess mit dem Rapper Tory Lanez, der die heute 25-Jährige im Juli mit einer Schusswaffe verletzt haben soll, wirft derzeit nicht nur Schlagzeilen ab. Der Vorfall hat die Rapperin auch zum Eröffnungsstück von "Good News" inspiriert, wobei man die Brücke, die im auf Diss gestimmten "Shots Fired" zum Fall der durch US-Polizeigewalt aus dem Leben gerissenen Rettungssanitäterin Breonna Taylor geschlagen wird, auch schlichtweg infam nennen könnte.

Wenn Megan Thee Stallion sich auf ihrem Debüt nicht gerade Abstecher in Richtung G-Funk erlaubt ("Freaky Girls") oder zwischendurch als Sängerin Popgefilde erkundet ("Don’t Rock Me To Sleep"), steht musikalisch übrigens jede Menge Trap zum Kopfnicken aus der Dose und der eine oder andere Oldschool-Moment auf dem Programm. Manchmal ist man dabei zwar auch selbst knapp davor, der frechen Rapperin die Absatzstrategie "Sex sells" als Feminismus abzukaufen, wenn sie etwa den misogynen Gangsta-Rap von Eazy-Es "Boyz-n-the-Hood" von 1987 in die weibliche Version übersetzt. Leider aber werden die Verhältnisse dabei nicht umgedeutet, sondern lediglich umgedreht. Bei "Girls In The Hood" klingt das dann so: "I’m a hot girl, I do hot shit / Spend his income on my outfit."

Mit reichen Männern und dem Kapitalismus als solchem scheint die gute Frau ganz grundsätzlich kein Problem zu haben. Wer hätte das gedacht? Über den Weg zum Juwelier als Antiherzschmerzprogramm dann aber ein andermal mehr.