Zur popkulturellen Folklore gehört es, dass die Jubiläen altgedienter erfolgreicher Acts groß gefeiert werden und umfangreiche Neuauflagen und Deluxe-Boxen der glorreichen Schlachten von einst die Zielgruppe und den Markt erfreuen. Zum einen will sich das gemeinsam gealterte Publikum als loses Kollektiv nostalgisch an bessere Zeiten erinnern. Zum anderen soll damit auch ganz ohne Kraftaufwand noch einmal wertgeschöpft werden.

Man könnte jetzt im Internet den Moment bestaunen, als beim ersten je aufgezeichneten Konzert der einflussreichen deutschen Band Kraftwerk 1970 im nordrhein-westfälischen Soest das Insert "Unterstützt die Wirtschaft - öfter mal Weihnachten" auf einer Dialeinwand erscheint. Und man würde sich daran erinnern, dass die Elektropop-Pioniere aus Düsseldorf dieses Motto tatsächlich immer sehr ernst genommen haben. Immerhin restauriert die Band seit Jahrzehnten lieber ihren Backkatalog, um den Futurismus von seinerzeit dem klanglichen Status quo anzugleichen, als mit neuer Musik eher keinen Schritt weiter in eine als Projektionsfläche ohnehin nur mehr bedingt geeignete Zukunft zu gehen.

Insofern mag es Außenstehende überraschen, dass Kraftwerk sich dieser Tage ausgerechnet an das 50. Jubiläum ihres programmatisch "Kraftwerk" betitelten Debütalbums nicht mehr erinnern wollen. Für Ralf Hütter als einziges heute noch aktives Originalmitglied scheint es allerdings konsequent, dieses gemeinsam mit dem im selben Jahr noch unter dem Projektnamen Organisation veröffentlichten Vorläufer "Tone Float" und den Nachfolgern "Kraftwerk 2" (1972) und "Ralf und Florian" (1973) zu ignorieren. Vielleicht hat es mit den negativen Gefühlen zu tun, die sich bei einer Wiederbegutachtung des Soest-Auftritts aus Beteiligtensicht einstellen könnten.

Das Leitkegelcover des Albums "Kraftwerk" von 1970.
Das Leitkegelcover des Albums "Kraftwerk" von 1970.

Kosmische Geburt

Sagen wir so, das Publikum reagierte eher irritiert auf das Gehörte, also im Wesentlichen das Instrumentalalbum "Kraftwerk" in live abgeänderter Songreihenfolge. Woodstock war erst ein Jahr her - und die Band ihrer Zeit um Lichtjahre voraus. Womöglich arbeitet aber auch die Optik dem Verdrängungswunsch zu. Wir sehen die als formenstreng-unterkühlt bekannten späteren Roboter Kraftwerk als Hippies mit langen Jahren und Ralf Hütter als Dioptrienotto in einer Lederjacke, wie man sie an sich aus dem feindlichen Rockermilieu kennt.

Gemeinsam mit Florian Schneider als Querflöten- und Triangel-Beauftragtem (!) und einem Schlagzeuger aus Fleisch und Blut, dem dann aber eh bald von einem Drumcomputer wegrationalisierten Klaus Dinger (Neu!), ging es dabei zwar reichlich nerdig zu. Von der Flötensentenz von "Ruckzuck", die den "Trans-Europa-Express" von 1977 vorwegnahm, über dessen Motorikbeat, der die frühen, damals noch von Conny Plank produzierten Kraftwerk zweifelsohne als Krautrock-Act definierte, sowie von der kosmischen Geburt einer Klangmasse bei "Stratovarius" und über "Megaherz" als "Verschnaufpause" bis hin zum bedrohlich übersetzten Bombenhagel des nach Martin Luther betitelten "Vom Himmel hoch" aber würde argumentativ gleich einiges für eine Neuauflage sprechen.

Klaus Dinger und Florian Schneider sind tot - und Kraftwerk selbst nicht nur aufgrund des Roboterkonzepts längst unsterblich. Über den offiziellen Start des Bandmotors mit dem Album "Autobahn" (1974) in der persönlichen Geschichtsschreibung Ralf Hütters allerdings könnte man diskutieren.