Aktuell präsentiert sich Miley Cyrus mit einem Vokuhila. Das ist nicht nur in ästhetischer Hinsicht eine zweifelhafte Entscheidung. Weil die internationale Styling-Blogosphäre deshalb umgehend einen neuen Trendlook ausgerufen hat, ergeben sich daraus auch handfeste praktische Probleme: 1. Wie sich selbst das gleiche Erscheinungsbild aneignen, wenn man in einem Land lebt, in dem der Lockdown körpernahen Dienstleistern wie etwa Friseuren nach wie vor eine Zwangspause verordnet? 2. Wem das neueste Haupthaar-Design unter die Nase reiben, wenn man doch allein zuhause auf der Couch herumlümmelt und niemanden vor sich hat als womöglich das eigene Spiegelbild?

Glücklicherweise kann gesagt werden, dass für Punkt zwei erstens das Smartphone und zweitens Instagram erfunden wurden. Und außerdem ist so ein Vokuhila auch daheim unter Zuhilfenahme einer Haushaltsschere schnell hergestellt. Die Frisur wird danach weiß Gott auch nicht beschissener aussehen, als wenn sie eine Fachkraft verbrochen hätte. Der Vokuhila ist jedenfalls wieder da - und wir können überhaupt nichts dagegen machen.

"Plastic Hearts"-Albumcover.
"Plastic Hearts"-Albumcover.

Was nun die Grundmotivation von Miley Cyrus betrifft, sich in vorne kurz und hinten lang zu präsentieren, so liefert ihr nun vorliegendes neues Album sichere Hinweise. Immerhin wendet sich die heute 28-Jährige auf "Plastic Hearts" (RCA/Sony Music) der, sagen wir, nicht immer ganz geschmackssicheren Seite des Radiopoprocks vor allem der 1980er- und ein wenig der 1970er-Jahre zu, wie man ihn als Evergreen in der Dauerschleife kennt.

Nicht von ungefähr wird bei einem Stück wie "Night Crawling" ausgerechnet Billy Idol aus der Versenkung geholt, und sofort sieht man vor dem geistigen Auge neben einer Niete (auf der Lederjacke), kombiniert mit einem Mixgetränk und einer gachblonden Männermähne, diese seitlich nach oben gezogene Lippe, an der bereits optisch alles nach "Na, Schatzi, wie wär’s mit uns zwei?" schreit. Es ist ein bisschen cheesy, etwas grindig und ziemlich stereotyp. Richtig Sehnsucht nach diesem Samstagabendszenario will sich also selbst im Lockdown nicht einstellen. Der eine oder die andere möchte sogar davonlaufen wollen. Nur wohin??

Nach ihren diversen bisherigen Ichs und Erscheinungsformen - als Hannah Montana aus dem Teenie-TV, als nackte Irre auf der Abrissbirne, als kiffende Hausfreundin der Flaming Lips und zuletzt als "Zurück zum Ursprung"-Vertreterin mit Country-Ausflügen durch die weite amerikanische Weite auf dem gefloppten Album "Younger Now" von 2017 - kehrt Miley Cyrus damit aus einer Zeit der Krise zurück. Die Zerstörung ihres Wohnsitzes in Kalifornien durch einen Waldbrand, ihre Scheidung vom australischen Schauspieler Liam Hemsworth sowie eine Stimmband-OP sind beispielsweise zu nennen.

Mit Sammelbotschaft

Aus Krisen befreit man sich nicht nur pophistorisch betrachtet sehr gerne auf dem Dancefloor. Und so stellt sich auch Miley Cyrus wieder unter die Discokugel, um bei Stücken wie der auf den erotischen Aerobic-Pop von Olivia Newton-John ("Physical") verweisenden Single "Prisoner" im Duo mit Dua Lipa oder gleich zum Auftakt mit "WTF Do I Know" zu deklarieren, dass sie eine junge unabhängige Frau ist, die exakt niemanden benötigt. Wobei sich Zeilen wie "Am I wrong that I moved on and I / And I don’t even miss you?" natürlich als Sammelbotschaft an die drei zuletzt verschlissenen LebensabschnittspartnerInnen verstehen und etwaige Verwundungen ausgeschlossen oder umgedeutet werden.

Bei "Gimme What I Want" etwa geht es mit einem musikalischen Zitat der bekanntlich leiderprobten Nine Inch Nails ("Hurt") und unter Beifügung eines an die Neue Deutsche Welle gemahnenden Abzählreims hin zum lustvollen Schmerz: "Pleasure leads to pain / To me, they’re both the same." Wobei die popkulturellen Verweise und Aneignungen auf "Plastic Hearts" ohnehin Hochkonjunktur haben und neben "Sympathy For The Devil" von den Rolling Stones im Titelstück auch ungefähr das Gesamtwerk von Joan Jett inkludieren. Letztere tritt im hübsch verspielten Partytrack "Bad Karma" zur messerscharf durch das Klangbild schneidenden Gitarre von Angel Olsen auch als Albumgast auf.

Während die von Mainstream-Problembären wie OneRepublic-Mann Ryan Tedder mitverfasste und von sechs Produzenten(teams) im Zeichen des Popfließbands sicher nach Hause gespielte Platte keinem inhaltlichen Narrativ folgt und Songs wie "Midnight Sky" exakt gar nichts aussagen, verliert Miley Cyrus mit einer Stimme, die man schon bald als "lebenserfahren" bezeichnen wird, weil sie sich zunehmend nach drei täglich verpofelten Packungen Marlboro Rot anhört, auch musikalisch mitunter den Faden. Sollte das Konzept tatsächlich Poprock mit gegen Ende demonstrativ heruntergenudeltem Gitarrensolo gelautet haben: Die ins Hinterholz deutenden Zupfgitarren von Songs wie "High" verwässern es. Unter Karohemden am Lagerfeuer war der Vokuhila noch nie soo angesagt.