Bei "Sounds like..." werden zumindest die Hörer von FM4 automatisch dessen Namen ergänzen, hat doch der Radiosender die griffige Formel zu seinem speziellen Markenzeichen und Motto gemacht. Nicht von ungefähr, da Unverwechselbarkeit ein, wenn nicht das Kriterium für Medienunternehmen ist, auch wenn es sich dabei "nur" um einen Spartenkanal handelt.

In popmusikalischen Belangen ist es fast genau umgekehrt, da dort - zumindest in Zuordnungsfragen - Ähnlichkeit mehr zählt als Unverwechselbarkeit. "Sounds like..." ordnet den Kosmos an praktisch unendlichen Klängen zu (wieder)erkennbaren Einheiten. Per Ähnlichkeit ergeben sich strukturelle Zusammenhänge und fügen sich zu Klangstammbäumen und -familien. Daher ist der Vergleich, "klingt wie ...", um es auch einmal auf Deutsch zu sagen, der wichtigste algorithmische Filter auf Streaming- oder Verkaufsportalen, um Präferenzen herauszuarbeiten und kommerziell anzubieten.

Wir wollen uns im Folgenden aber an analoge Hörgewohnheiten halten - und auf diese grundmenschliche Weise Ähnlichkeiten konstatieren, die uns im Laufe dieses Jahres besonders aufgefallen sind. In solchen Gleichungen muss natürlich - in einer Art aufmerksamkeitsökonomischer Hierarchie - eine bekannte Größe (= Interpret/Band) mit weitgehend (noch) unbekannten Musikern verglichen werden, damit dieses Vorgehen überhaupt Sinn ergibt.

Es braucht also recht wohl eine bestimmte Einzigartigkeit, damit ein Vergleich eine sinnvolle Vorstellung erzeugt. Werden wir also endlich konkret und nehmen wir etwa den Sound von Coldplay, der - ob er einem gefällt oder nicht - als weitgehend bekannt vorausgesetzt werden kann. Klingt nun jemand, wie etwa der schwedische Sänger und Musiker Johannes Mayer mit seinem Projekt The Late Call, sehr ähnlich wie die englische Erfolgsband, ist das jedenfalls auffallend (und ein etwaiges Verkaufsargument). Auf dem neuen Late-Call-Album, "Your Best Friend Is The Night", sind es vor allem zwei Nummern, die diese frappierende Ähnlichkeit - die im Wesentlichen auf der Verwandtschaft der Stimmen von Mayer und Coldplay-Sänger Chris Martin beruht - begründen: "Land’s End" und noch mehr "Viktoriapark, Berlin", ein Song, den Mayer genau dort (im Spätsommer 2016) imaginiert & komponiert und später in einem Bremer Studio eingespielt hat. Beide Tracks sind - um in den Wein-Jargon zu wechseln - heiße Kandidaten für "Blindverkostungen". Und wie ähnlich oder auch nicht: Wer hat zuletzt so schöne Songs von Coldplay gehört?

Beim dänischen Sänger & Poeten H.B. Nielsen ist die Ähnlichkeit nicht derart schlagend, trotzdem gebührte ihm - hätte His Bobness mit seinem Album "Rough And Rowdy Ways" heuer nicht selbst für unverwechselbare Qualität gesorgt (was bei ihm bekanntlich nicht immer garantiert ist) - für "Wild Palms" (von seinem Debütalbum "Grand Opening) das Prädikat für den besten Dylan-Song des Jahres, in den sich im Abgang auch noch eine Prise Springsteen mischt.

Ein weiterer Skandinavier, der schwedische Singer/Songwriter Kristofer Åström, erinnert mit seinen ausladenden Songs, etwa "Night Owl" vom neuen Album "Hard Times", sehr an die Manier der US-Band The War On Drugs. Wie deren Mastermind Adam Granduciel zieht Åström mit eindringlicher Stimme und einer Gitarre an der langen Leine über weite Felder in atmosphärisch dichter Landschaft: eine betörend schöne Klangreise.

Der Kanadier (Patrick) Krief wiederum, der lange als Gitarrist bei der Band The
Dears tätig war, wartet als Solokünstler auf seinem nunmehr zweiten Album, "Chemical Trance", mit immens texturreichen Sounds auf, die einer Band wie Radiohead erstaunlich nahekommen (und gut anstünden). Vor allem eine Nummer, "Line Stepper", hat - bis auf ein etwas zu bombastisches Finale - durchaus Thom-Yorke-Qualität und ähnelt dessen Solo-Ausflügen aus vergangenen Jahren.

Die in Wien wahlbeheimatete kalifornische DJ, Sängerin und Musikern Sofie versammelt auf ihrem heurigen Debüt, "Cult Survivor", eine Reihe von dreampoppigen Stücken, die es mit den Großmeistern dieses Genres, dem US-Duo Beach House, locker aufnehmen können. Speziell "Figueroa" ist solch ein hypnotischer, ein bissl neben der Spur dahineiernder Song, der einen auf diese typische Dreampop-BeachHouse-Art schwindlig und dösig macht.

Mitunter kann anscheinend auch ein Produzent für auffällige Ähnlichkeiten im Klangbild seiner jeweiligen Schützlinge sorgen. So hat Simon Dine, der bei einigen Alben von Paul Weller hinter den Reglern saß, die englische Band The Spitfires auf ihrem neuen Album, "Life Worth Living", auf bewährte Mods-Pfade gelenkt. Vor allem der letzte der zehn Songs, "Make It Through Each Day", würde jedes Paul-Weller-Album, die zuletzt etwas schwächelten, veredeln.