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Privatsphäre

Neue Musik von Convertible, Clara Luzia und Jansky

Die drei heimischen Acts legen es auf ihren aktuellen Veröffentlichungen teils internationalistisch, teils regional an.

von Bruno Jaschke

Hans Platzgumer ist in mehrerlei Hinsicht ein Paradebeispiel künstlerischer Grenzenlosigkeit. Nach wunderkindlichen Anfängen in Innsbruck als Sänger und Gitarrist diverser Punk- und Hardcore-Bands und seinem legendären Debütalbum "Tod der CD!" (1987) zog es ihn Anfang der 1990er nach New York, wo er als Kopf des Trios H.P. Zinker mit Rockstar-Ruhm flirtete. Mitte der 90er kehrte er nach Mitteleuropa zurück, schloss sich vorübergehend den Goldenen Zitronen an und exerzierte unter eigenem Namen wie auch in verschiedensten Kooperationen diverse Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung zwischen Club-Sounds und Soundinstallationen durch.

Irgendwann nach der Jahrtausendwende startete der heute 51-Jährige mit Convertible sein Pop-affinstes Projekt seit Ewigkeiten. Wie aber Platzgumer sich zunehmend der Schriftstellerei zuwandte und mit seinen Hörspielen, Erfahrungsberichten und Romanen über Menschen in Extremsituationen Anerkennung fand, schien, von Arbeiten fürs Theater abgesehen, sein musikalisches Schaffen Geschichte. Daher kam es einer Sensation gleich, als er Convertible 2018 reaktivierte, die Identität des fiktiven norwegischen Künstlers Colin Holst annahm und sich auf dem Album "Holst Gate" mit Klavier, Bläsern und melodischer Reichhaltigkeit in die psychedelische Musik der 60er Jahre versenkte: Da schien die "Magical Mystery Tour" an den besungenen "Sandy Beaches" Station zu machen, um das Beste aus Lennon und McCartney zu amalgamieren.

Modifikationen

Nun ist sogar ein Nachfolgewerk, mit so einfacher wie zwingender Logik "Holst Gate II" (Noise Appeal Records) betitelt, erschienen. Ebenso leicht einsichtig ist, dass es stilistisch keinen Bruch zum Vorgänger bedeutet. Dass hier allerdings das getragene, breit arrangierte "Shadow Scene" in einer aufgeweckteren, etwas schlankeren Version, die ein wenig an die Arctic Monkeys von "Tranquility Base Hotel & Casino" erinnert, "revisited" wird, verweist auch auf behutsame Modifikationen des ursprünglichen Konzepts. Das Klavier dominiert hier noch mehr, und als Ganzes kommt Teil II, eingeleitet von einem weltmeisterlichen Popsong, dessen melancholisch-getragener Appeal ein wenig seinen Titel "Spinning" konterkariert, konzentrierter, zugespitzter daher.

Die Band-Webseite beschreibt "Holst Gate II, the world according to Colin Holst" als eine Art fatalistische Begräbnis-Party. Gleichwohl indiziert der letzte Song, eine exquisite Coverversion des überirdischen Kinks-Klassikers "Shangri-La", eine Andeutung von Erlösung: Dass Platzgumer dessen illusionäre erste Strophe "Now that you’ve found your paradise / This is your kingdom to command / You can go outside and polish your car / or sit by the fire in your Shangri-la" am Ende wiederholt, könnte als eine Art emotionaler Haltegriff für seinen weggetretenen Protagonisten verstanden werden.

Ein wenig Wunscherfüllung in eigener Sache wiederum betreibt Clara Luzia: Um Songs anderer Künstler nachzuspielen, fehlten ihr bei ihren ersten musikalischen Gehversuchen als Teenager noch die Fähigkeiten. Mittlerweile eine mehr als profilierte Sängerin und Gitarristin, kann sich die Künstlerin aber endlich mit fremden Federn schmücken. Von dieser Selbstermächtigung macht sie auf ihrer EP "4+1" (Asinella Records) Gebrauch. Die Hälfte der vier Covers stammt von österreichischen Künstlern: Ihre Deutung von "2nd World" vom Produzentenduo HVOB brilliert durch ein exzellentes Gitarren-Break und eine lange Bläser-Coda, während sie in "Socialite" von der Wahl-Wienerin Farce die melodische Schönheit des Songs just durch den Kontrast mit Drone-Sounds betont.

Clara Luzia kneift aber auch nicht vor englischen Großkalibern: Dem Pet-Shop-Boys-Hit "It’s A Sin" verpasst sie mit Gitarren und unterschwelligem Sarkasmus einen frischen Anstrich, während sie sich mit "Victory" sogar an PJ Harvey behauptet. Das "+1" ist eine Eigenkomposition, die mit patentem Swing ihre Position in "This World" reklamiert.

Wenn man das Duo Jansky hingegen als sehr wienerisch (wobei die Geschwister Anna und Martin Rupp aus Niederösterreich kommen) einzustufen geneigt ist, liegt das nicht in erster Linie an den Texten. Sondern an einer gewissen Sumpfigkeit, die es sich im Sound urgemütlich macht: Faule/schläfrige, weltvergessene Musik, die nach Nicht-Aufstehen-Wollen klingt.

Auch Vienna Rest In Peace, Martin Klein oder Oehl verstehen sich recht gut auf diese Kunst, für die Jansky auf ihrem LP-Debüt "LP1" (Problembär Records) außer lauten Idiomen ungefähr alles aufgreifen: Recht imposante Klavierimpressionen interagieren mit akustischen Gitarren, ziemlich zurückgenommener, aber rhythmisch vielseitiger Percussion, dichten Synthesizernebeln, vereinzelten Bläsern und verschattetem Frau-Mann-Gesang. Und ganz im Geiste des "Poeten" André Heller genieren sich die Geschwister nullkommanull für die Gefühligkeit, Empfindsamkeit und Romantik ihrer Texte, die von Mut und von Entschlossenheit künden.



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