Es ist nun einmal so: Wer sich ein Jahr lang durch die Unbilden einer Pandemie gequält hat, durch den Lagerkoller einer Jungfamilie ("Rabäh!") oder die Isolationshölle eines Single-Haushalts, durch geplatzte Strandträume oder die "Urlaubstage" im Lockdown, durch Klopapiermangel und gröberes Ungemach, nun: Der will an einem Festtag nicht noch mehr Krot schlucken.

Das ist wohl ein Grund, warum das Neujahrskonzert der Philharmoniker - am 1. Jänner ausnahmsweise nur für Fernsehkameras vor leeren Reihen - auf einen Verweis auf die Pandemie verzichtet. Und es erklärt wohl auch, warum die Weihnachtsalben heuer frei vom Corona-Blues geblieben sind. Die Scheiben, in diesem Jahr gefühltermaßen in Rekordzahl erschienen, platzen schier vor Ehrgeiz, einen Funkelstern am Ende des Corona-Tunnels spielen zu wollen. Mag sich der Käufer in Wirklichkeit mit der Frage plagen, ob der Opa tatsächlich an der Tafel sitzen sollte, wie viel Weihnachtsfeiern die Erni-Tant’ schon in ihren bestrumpften Beinen hat und ob Hausmusik, Stichwort Aerosole, in diesem Jahr vielleicht zum Lied vom Tod mutieren könnte - zumindest die Musik vom CD-Player soll doch bitte sehr Behaglichkeit befördern. Still schweigt Kummer und Harm. Oder anders gesagt: Es ist jetzt alles gut, verdammt noch einmal!

Der prallste Gabensack

Den prallsten Gabensack dafür hat der Opernliebling Jonas Kaufmann geschnürt. Ganze 42 Lieder hat er zu einem Beglückungs-Cluster vereint, der als Doppel-CD unter dem Titel "It’s Christmas!" (Sony Classical) erschienen ist. Der Grund für diese Wagnerianische Fülle gibt Rätsel auf. Steckt dahinter womöglich der Glaube, nur eine Überdosis Gefühl könne das unterirdische Jahr 2020 noch retten? Oder soll da ein Bestseller nur ja keinen Ohrwurm auslassen? Deutsche Volkslieder treffen jedenfalls auf gottgefällige Choräle, Folklore aus aller Herren Länder zuletzt auf Swing-Klassiker aus den USA. Dabei gehen Kaufmann mehr Helfer zur Hand als dem Weihnachtsmann auf dem Nordpol: Das Mozarteum Orchester Salzburg, der Bachchor Salzburg und die St. Florianer Sängerknaben sorgen für üppigen Klangspeck im Klassikbereich, die Cologne Studio Big Band und Trompeten-Ass Till Brönner wiederum lotsen den Tenor durch das Swing-Fach.

Das Ergebnis? Hut ab vor den Arrangements: Sie sind ihrer Kommerzpflicht eingedenk, sorgen in den Tiefen des Klangbilds aber subtil für Abwechslung. Der Tenorissimo, dessen Kinderfotos und "persönlich ausgewählte" Rezepte das Booklet zieren, erweist sich indes nicht als Allzweckwaffe. Hinreißend? Ist der Bühnenschwarm, wenn er seinen Metallklang und sein Honiglegato sinnvoll nutzen kann, etwa als heldischer Herold, der vom Himmel hoch herkommt, in "Hark! The Herald Angels Sing" oder beim "Cantique de noël". Es wäre eine hübsche Einzel-CD geworden, hätte Sony Classical die Aufnahmen mit strapaziertem Ton ("Gloria in excelsis Deo") oder blasser Naturstimme ("All I Want For Christmas Is You") dezent totgeschwiegen.

Aber kommen wir zu einem ganz anderen Sänger, der sich ebenfalls durch die Stil-Gemüsegärten pflügt - Andreas Gabalier vulgo "der Volks-Rock’n’Roller". Weihnachtsfreundlich gesagt: Der Mann weiß mitunter zu erfreuen, wenn er einmal nicht den Kuppler zwischen Hüttengaudi und Holzschnitt-Rock spielt. Chris Reas "Driving Home For Christmas" und der Gospel-Hadern "Swing Low Sweet Chariot" gestalten sich überraschend schmerzfrei, und es gilt festzuhalten: Das Original "Es ist die Zeit" besitzt trotz seiner Plattitüden das Gepräge eines echten Hits. Sobald Gabaliers "Volks-Rock’n’Roll-Christmas" (Universal) aber "Last Christmas" als Höhenrausch-Gschnas zurichtet und das Turboblech alle Melancholie unter sich begräbt, fällt es schwer, dieser Musik keine kabarettistische Absicht zu unterstellen.

Blicken wir lieber nach Übersee. Meghan Trainor besitzt dort einen klingenden Namen, seit ihr Hit "All About That Bass" im Jahr 2014 füllige Frauen zu mehr Selbstliebe aufgerufen hat und dafür den fröhlichen Doo Wop der 50er Jahre ausgrub. Ihr Weihnachtsalbum mischt nun, wie es sich für einen US-Popstar gehört, alte Swing-Hadern mit neuen Hit-Hoffnungen. Im Sinne der Verkaufszahlen ist das Klangbild von "A Very Trainor Christmas" (Epic) aber ganz auf digitale Gegenwart gebürstet: Mit einem Stimmverzerrer à la mode arbeitet sich Trainor durch eine Klangwelt aus schnittigen Beats, Orchester-Samples, Soul-Bläsern und einer Handvoll Doo-Wop-Beigaben. Und die Melodien? Geben sich heppipeppi und laden zum Mitsingen ein - auch wenn man sie dann gleich wieder vergessen hat.

Der Wille zum Hit

Der Wille zum Hit ist auch dem Album von Jamie Cullum anzuhören. Anfang der Nullerjahre als Zukunftshoffnung des Jazz gehandelt, schmiedet der singende Pianist derzeit weitgehend im Popfach seine Melodien. Dagegen ist nichts einzuwenden, und schon gar nichts gegen seinen Ehrgeiz, die weihnachtliche Gefühlspalette, von stiller Ergriffenheit bis zur geselligen Freude, in zynismusfreie, neue Lieder zu packen. Vorderhand gelingt das "The Pianoman at Christmas" (Island Records) auch nicht schlecht. Doch der Hang zur konsenstauglichen Melodie, abwechselnd in Orchester-Balladen oder Ballroom-Swing gebettet, macht den Verlauf doch recht vorhersehbar. Immerhin: Die Ballade "Christmas Caught Me Crying", steinerweichend schön geraten, verstößt als Schlusspunkt zumindest gegen die Happy-End-Erwartung.

Solche Regeln scheren Tori Amos, ebenfalls mit markanter Stimme und Klavierfingern gesegnet, nicht. Die US-Amerikanerin hat schließlich die Rolle einer Musik-Hohepriesterin zu verteidigen, die in einem Niemandsland zwischen Pop und Kunstlied, Feinsinn und Mädchenkitsch à la "Nebel von Avalon" ihres Amtes waltet. In diesen Gefilden sind auch die vier Szenen ihrer Weihnachts-EP "Christmastide" angesiedelt. Wer weiß: Vielleicht künden die epischen Arrangements, die kühnen Taktwechsel, wunderlichen Texte von einem höchst persönlichen Geheimnis des Glaubens.

Wem das zu nebelschwadig ist, findet auch Aufgeräumteres unter den Neuerscheinungen. Tatsächlich: Richie Blackmore, Mitbegründer der englischen Haudrauf-Rocker Deep Purple, zupft als Kopf der Gruppe Blackmore’s Night mild die Nylonsaiten. Im Verbund mit der ihm angetrauten Folk-Sängerin Candice Night, mit Tamburin, Blockflöte und einem Hauch Synthesizer zollt die EP "Here We Come A-Caroling" (Edel Germany) Weihnachtstönen aus England, aber auch aus Salzburg ("Silent Night") Tribut. Eher sanfte Töne schlägt auch die heimische Jazzsängerin Simone Kopmajer auf ihrem Genredebüt "Christmas" (Lucky Mojo Records) an und zeigt sich vor allem im Swingfach stilsicher.

Wem auch das nicht ruhig genug ist nach einem Krisenjahr, dem sei noch ein Kuriosum vorgestellt: "Music to Unpack your Christmas Present" von De-Phazz. Die deutsche Kombo verwandelt Weihnachtsklassiker nonchalant in Lounge-Musik. Klangtapeten, die das Herz nicht erwärmen - aber eine hitzige Corona-Debatte am Heiligen Abend kalmieren könnten.