Was man aus seiner Zeit machen kann, wenn es die Verhältnisse einmal ordentlich aus der Bahn werfen sollte, durfte man heuer bereits zweimal überprüfen. Wie man im persönlichen Umfeld und etwa auch auf Social-Media-Plattformen beobachten konnte, stößt die Fantasie dabei mitunter an Grenzen. Irgendwann zum Beispiel ist es mit dem Putzen, Aufräumen und Umgestalten auch wirklich genug, wenn man sogar schon hinter der Waschmaschine herausgewischt, die Sesselleisten poliert und das Kellerabteil tapeziert hat.

Im zweiten Lockdown wurde vermutlich auch deshalb vor allem auf Kulinarisches gesetzt, Stichwort Brotbacken, Aufkochen und Einrexen: Menschen, die man eigentlich als Stammkunden beim Schachtelwirt, dem Würstlstand oder im Gasthaus Mama eingeschätzt hätte, überraschten mit Postings von Hausgemachtem, das noch dazu wirklich gut aussah. Und nicht zuletzt Neigungsgruppen der Marke "Sauerteig aktuell" und "Fermentieren heute" untermauerten, dass man sich ja auch irgendwie vom Umstand ablenken muss, dass man derzeit im Wesentlichen für die Arbeit existiert. Vor allem, wenn das Wetter da draußen so dermaßen wäh ist und man irgendwann erkannt hat, dass Binge-Watching auch keine Lösung ist und man eher nicht damit beginnen möchte, Polsterbezüge zu häkeln.

Lebensberatend

Paul McCartney wiederum hat etwas wiederentdeckt, das er getreu einer im Internet als "nachdenkliche Sprüche mit Bilder" bekannten Kunstform zu Themen wie "Carpe diem" oder "Panta rhei" nun so ähnlich mit einem neuen Song namens "Seize The Day" recht lebensberatend zum Ausdruck bringt: Egal wie, aber es geht immer darum, den Tag zu nützen. Insofern reiht er sich in die Riege an Musikerinnern und Musikern ein, die heuer mit ihrem persönlichen Lockdown-Album vorstellig wurden. Zur Genese des am kommenden Freitag erscheinenden Albums mit dem Titel "McCartney III" (Universal Music) hatte der heute 78-Jährige allerdings einen entscheidenden Vorteil: Er kennt sich da aus.

Bereits Paul McCartneys Solo-Debüt "McCartney" von 1970 entstand in freiwilliger Selbstisoliertheit als weitgehender Alleingang auf einem Vierspurgerät und setzte mit seinen Lo-Fi-Miniaturen auf das Kontrastprogramm zum Studioperfektionismus seiner zukünftigen Ex-Band. Trotz schlechter Kritiken wurde die Versuchsanordnung zehn Jahre später auf "McCartney II" zwar grundsätzlich wiederholt, wobei als Gruß an die beginnenden 80er-Jahre (Hallo, 80er-Jahre!) nun eigentümlich gebrauchte Synthesizer die Weltöffentlichkeit irritierten. Und weitere 40 Jahre später hat man sich darauf geeinigt, dass Paul McCartney trotz des einen oder anderen seiner mittlerweile 18 Soloalben zu den großen Unantastbaren des Pop gehört. Hey, der Mann hat diesen einst immerhin miterfunden!

Mit Giftlergitarre

Für die gerne auch auf die (instrumentale) Fingerübung gebuchten elf neuen Stücke muss er sich dann aber eh nicht genieren. Hörbar wurde als für alle Instrumente verantwortliche Einmannband der Quarantäne zurück zur Spielfreude gefunden. Dafür spricht neben der partiellen Experimentierfreude der Arrangements nicht zuletzt die stilistische Bandbreite.

Wir hören nicht nur den akustisch geschrubbten Lagerfeuer- und Märchenonkelfolk des in den 90er-Jahren noch von George Martin produzierten "When Winter Comes" als Ausgangspunkt der Aufnahmen, der das Album beschließt und zuvor bei "The Kiss Of Venus" auch noch in seiner windschiefen Neil-Young-Variante auftaucht. Nach dem Bluesrock des etwas albernen Revenge-Songs "Lavatory Lil" mit Paul McCartney bei einem Rachefoul (nur an wem?) oder dem stromlinienförmig im Midtempo gereichten Sixties-Pop von "Find My Way" übernimmt spätestens bei "Deep Down" ein soulfuller Groove die Hauptrolle. Vor allem das achteinhalbminütige "Deep Deep Feeling" ist mit seinem permanenten Mäandern und Mutieren zum diesbezüglichen Schlüsselsong des Albums geworden. Sollte Paul McCartney die dabei besungenen großen, starken Gefühle, wie man sie allgemein der Jugend zuschreibt, heute selbst nicht mehr so intensiv empfinden, so kann er sich zumindest sehr lebhaft an sie erinnern.

Dazwischen geht es mit über die Jahre leider dünn gewordener Stimme aber auch um (männliche) Models als Kamera-"Objekte" ("Pretty Boys") und eine Reise namens Leben ("Women and Wives"), angesichts derer Paul McCartney noch einmal sanft lebensberatend auf uns einwirkt. Dafür führt der wirklich ordentlich im Saft stehende Psychedelikrock von "Slidin‘" mit seiner LSD-inspirierten Giftlergitarre noch einmal angenehm unvernünftig zurück in die Zeit des ungehemmten Drogen-Abusus: "I’m slidin’, glidin’ through the air / I can see my body through windows in my hair ..." Mein Gott, was wurde seinerzeit nicht alles gepofelt und eingeworfen!

Am Ende eines besch ... eidenen (Musik-)Jahres und rund um den 40. Todestag von John Lennon ist es zwar nicht zuletzt die schiere Präsenz eines seiner liebsten noch lebenden Pop-Urgesteine, die dem Publikum guttut. Aber auch "McCartney III" selbst ist als Weihnachtsgeschenk gut geeignet.