2020 wird nicht zuletzt als (beinahe) konzertloses Jahr in die Geschichtsbücher eingehen. Musikalische Höhepunkte gab es trotzdem. Ein Rückblick des "music"-Teams der "Wiener Zeitung".

Andreas Rauschal
In der Kategorie "prophetischster Albumtitel" gewannen heuer Algiers aus Atlanta, Georgia: "There Is No Year" nahm bereits Mitte Jänner vorweg, was vor allem für die Live-Branche gelten sollte. Mein erster und einziger Ausflug in die Wiener Stadthalle etwa fand 2020 erst im Dezember statt - für einen Nasenabstrich. Dafür gab es Händewaschsongs, Einblicke in teils "interessant" eingerichtete Musikerwohnzimmer und zahlreiche Lockdownalben. Immerhin stand ein Übermaß an ungeplanter Tagesfreizeit für neue Ideen zur Verfügung.

Als Grundlage für Stadionkonzerte geeignete Musik erschien in einer dafür ausgesprochen schlecht geeigneten Zeit von den Killers und AC/DC. Dem Dancefloor huldigten Kylie Minogue oder Róisín Murphy, den 80er Jahren Miley Cyrus und Dua Lipa: Wer bereits eine Discokugel zu Hause hatte, war klar im Vorteil. Beyoncé leistete Schützenhilfe für Acts aus Afrika, als deren aktueller Superstar Burna Boy nun endgültig feststehen sollte. Staunen konnte man über die Geschäftigkeit von Taylor Swift mit gleich zwei neuen abendfüllenden Alben, für in jeder Hinsicht offene Münder sorgten aber auch die US-Rapperinnen Megan Thee Stallion und Cardi B mit ihrer gemeinsamen Single "WAP". Als meistgestreamter Act auf Spotify wiederum ist der aus Puerto Rico stammende Raggaeton-Sänger Bad Bunny zu vermelden.

Die Musikwelt trauerte u. a. um Little Richard, Ennio Morricone und Eddie Van Halen. Dafür veröffentlichte Bob Dylan mit "Rough And Rowdy Ways" einen Roadtrip in die Unsterblichkeit. (Überraschendes) persönliches Highlight des Jahres: die niederländisch-iranische Sängerin, Songwriterin und Produzentin Sevdaliza mit ihrem Album "Shabrang".

Pop/International

1. Sevdaliza: Shabrang (NL)
2. Run The Jewels: RTJ4 (US)
3. Algiers: There Is No Year (US)
4. Ghostpoet: I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep (US)
5. Jarv Is: Beyond The Pale (GB)
6. ...And You Will Know Us By The Trail of Dead: X: The Godless Void and Other Stories (US)
7. The Killers: Imploding The Mirage (US)
8. Stella Sommer: Northern Dancer (D)
9. Rustin Man: Clockdust (GB)
10. Bob Dylan: Rough And Rowdy Ways (US)
     Porridge Radio: Every Bad (GB)

Pop/Österreich

1. Culk: Zerstreuen über euch
2. Rote Augen: Augenlieder
3. Gebenedeit: Missgeburt. Macht eine Messe!

Gerald Schmickl
Für mich ist 2020 das Jahr des Standbildes. Da wir bekanntlich die meiste Zeit über von der direkten, d.h. leibhaftigen Teilnahme an musikalischen Live-Ereignissen ausgeschlossen waren, blieb nur die indirekte Teilnahme, z.B. per Streaming. Und da in vielen Fällen nur eine Kamera in diversen Konzertsälen oder sonstigen Locations positioniert war, bekam man auch nur deren festgefahrene, unbewegliche Perspektive geboten. Es war die erzwungene Rückkehr zur Zentralperspektive. Eine Sängerin, ein Sänger oder eine Band vorne auf der Bühne - und ein mehr oder weniger starrer Blick auf sie. Eine optische Entschlackungskur: keine raschen Schnittfolgen, keine Überblendungen, kein Heranzoomen. Auf diese Weise konnte man sich, unabgelenkt von jeglichem Bilderschnickschnack, ganz auf die Musik konzentrieren - und mittels dieser Reduktion (oft sieht man im Konzertsaal ja auch nicht viel mehr) zu schönen, eindringlichen Momenten gelangen.

Als ich schon glaubte, mich damit begnügen zu können, überfiel mich die Trauer über das live Entgangene aber doch noch unerwartet und hinterrücks. Ausgerechnet beim Anhören eines Songs der US-Folkband The Head And The Heart, bezeichnenderweise "The Glory Of Music" betitelt, imaginierte ich plötzlich, wie sich dieser hymnische Lobgesang live, etwa bei einem Arena-Sommer-Open-Air, ausnähme - und versank in schwere Melancholie . . .

Ansonsten habe ich heuer noch viel mehr als bisher schon einzelne Songs statt ganzer Alben/Platten/CDs gehört (und präferiert), weshalb ich im Folgenden, in meiner persönlichen Best-of-Bilanz, ausschließlich Einzelstücke reihe:

Pop/Songs/International

1. Perfume Genius: On The Floor (US)
2. Muzz: Red Western Sky (US)
3. Orlando Weeks: Blame Or Love Or Nothing (GB)
4. …And You Will Know Us By The Trail Of Dead: Something Like This (US)
5. Bombay Bicycle Club: Eat, Sleep, Wake (Nothing But You) (GB)
6. Glass Animals: Dreamland (GB)
7. Algiers: Dispossession (US)
8. Fiona Apple: I Want You To Love Me (US)
9. Dadi Freyr: Think About Things (ISL)
10. Nadia Reid: Oh Canada (NZL)
     Sufjan Stevens: America (US)

Pop/Songs/Österreich

1. Oehl: Wolken
2. Kristoff: Du bliatst
3. Culk: Starrsinn und Wahnsinn
   Pauls Jets: Geister

Christoph Irrgeher
Wollte man den diesjährigen Jazz-Veröffentlichungen ein Motto überstülpen, es würde wohl lauten: "Wie uns die Alten sungen." Nach den breiten Erfolgen mit "verlorenen Alben" von John Coltrane et al haben die großen Labels ihre Archiv-Bohrungen fortgesetzt und weitere "Neuerscheinungen" Verblichener zu Markte getragen. Das mehrte die Umsätze, aber nicht unbedingt das Renommee der toten Granden. Da wurde Glanzvolles zutage gefördert (Ella Fitzgeralds "Lost Berlin Tapes") und Solides (Thelonious Monk live in Palo Alto), aber auch Durchwachsenes ("Just Coolin’" von Art Blakey) und schlicht Scheußliches ("Fodder On My Wings" von Nina Simone).

Menschlich betrachtet, kam die Nostalgie freilich auch einem Lebensgefühl entgegen. Wer wollte sich schon mental im Katastrophenjahr 2020 aufhalten, in dem die Infektionskurve wuchs und Live-Veranstaltungen auf ein Minimum bis Nichts schrumpften? Immerhin: Im Sommer haben die Klassik-Anbieter Salzburg und Grafenegg ein goldrichtiges Zeitfenster für ihr Programm-Angebot gefunden. Aber das Jazz Fest Wien fiel ins Corona-Wasser, und die Improvisatoren von Saalfelden mussten sich mit einem Klein-Event auf der grünen Wiese bescheiden.

Und was wurde eigentlich aus dem geplanten Konzerthaus-Event von Chick Corea heuer? Geht als meistverschobener Termin der Welt womöglich noch ins Guinness-Buch der Rekorde ein. Findet im Jahr 2021 aber hoffentlich doch noch den Weg auf die Bühne ...

Jazz/International

1. Diana Krall: This Dream Of You (CAN)
2. Tigran Hamasyan: The Call Within (ARM)
3. Pat Metheny: From This Place (US)
4. Joshua Redman: RoundAgain (US)
5. Art Blakey And The Jazz Messengers: Just Coolin’ (US)

Jazz/Österreich

1. Susanna Ridler: Geometrie der Seele
2. Purple Is The Color: Epic
3. Little Rosies Kindergarten: Jeder gegen Jeden

Bruno Jaschke
Ein Jahr, das mit dem Tod des witzigsten deutschsprachigen Songschreibers, Oliver Maurmann (GUZ, Aeronauten), angefangen hat, musste eigentlich musikalisch genauso lausig verlaufen wie unser Leben unter der Fuchtel des Virus. Dem war aber bei Gott und den Genien der populären Tonkunst nicht so.

Was auffällt, ist ein gewisser Hang zur Bandenbildung: Bestimmte Stil-Nischen wurden gerne in geballter Formation vorstellig. Zum Beispiel die Drama Queens, vertreten durch Perfume Genius, seinen englischen Geistesverwandten Douglas Dare oder die wahrhaft himmlische Angel Olsen, die vorführte, wie groß die Songs ihres vorjährigen Albums "All Mirrors" auch im Reduktionsformat klingen. Auf andere Weise reduziert - nämlich was die Kürze der Stücke betrifft - überzeugten einmal mehr die Magnetic Fields um Stephin Merrit. Aber auch dessen stimmlicher Doppelgänger Jonathan Bree verdient hier Erwähnung für sein groß orchestriertes melancholisches Werk "After The Curtains Close".

Aus der "experimentellen" Ecke drängte es insbesondere den Elektronik-Klangbastler Oneohtrix Point Never Richtung Mitte (sprich Popsong), während umgekehrt Porches dem sanften Fluss seines Synthiesounds einige Brüche und Fallhöhen in den Weg gestellt hat. Daniel Blumberg wiederum suchte die Radikalisierung aus dem Geist der Improvisation. Es gab auch Platten, die einfach "nur" schön waren. Allen voran das unbetitelte Debüt der US-"Supergroup" Muzz. Siehe hier aber auch "Über Nacht" vom Wiener Duo Oehl.

Pop/International

1. Muzz: Muzz (US)
2. Perfume Genius: Set My Heart On Fire Immediately (US)
3. LA Priest: Gene (GB)
4. Daniel Blumberg: On&On (GB)
5. Oneohtrix Point Never: Magic Oneohtrix Point Never (US)
6. Douglas Dare: Milkteeth (GB)
7. The Magnetic Fields: Quickies (US)
8. Porches: Ricky Music (US)
9. Austra: Hirudin (CAN)
10. Kinderzimmer Productions: Todesverachtung To Go (D)

Pop/Österreich

1. Oehl: Über Nacht
2. Das Trojanische Pferd: Gunst
3. Rote Augen: Augenlieder

Heimo Mürzl
In einem Jahr, in dem die Sehnsucht nach "Normalität" fast schon aberwitzige Ausmaße angenommen hatte, sorgte das Musikbusiness mit seiner routinierten Veröffentlichungspraxis Woche für Woche für etwas Halt und ein wenig Gewissheit in ungewissen Zeiten. Man konnte sich zumindest darauf verlassen, dass Woche für Woche in großer Vielfalt neue Alben erschienen, die im besten Fall für Trost, Inspiration, Freude, Aufmunterung und Hoffnung sorgten.

2020 war nicht das ideale Jahr für musikalische Dystopien - bedrohlich und verstörend war schon der von einer Pandemie geprägte Alltag. So überrascht es auch nicht, dass viele Künstler sich nicht scheuten, vermehrt Empfindsamkeit, Romantik, emotionale Hingabe und große Gefühle in ihre Musik fließen zu lassen. Nicht wenige Alben feierten musikalisch die menschliche Nähe, die liebende Wärme und die Körperlichkeit und erfüllten damit eine Sehnsucht, die in Zeiten von Corona und Physical Distancing besonders groß und stark war.

Behutsame Umarmungen, leise Zuversicht und ein aufmunterndes Lächeln waren 2020 musikalisch gefragter als Provokation und Irritation. Unverändert blieb die gewohnheitsmäßige Wenig- bis Nicht-Beachtung italienischer und französischer Produktionen - und eines der wohl vielfältigsten Popalben des Jahres ("Grand Prix" von Benjamin Biolay) blieb hierzulande ein Geheimtipp für Kenner.

Die Boxsets von Tom Petty ("Wildflowers & All The Rest") und Prince ("Sign O’ The Times") und die neuen Alben von bewährten Größen wie Bob Dylan, Jarvis Cocker, Bob Mould, Bruce Springsteen, Elvis Costello, Thurston Moore und Grant-Lee Phillips sollten in diesem Jahresrückblick auch nicht unerwähnt bleiben. Wie auch die außergewöhnlichste Kollaboration: Emma Ruth Rundle & Thou ("May Our Chambers Be Full") - dunkel grundierte Schwermut trifft auf Doom- und Sludge-Metal.

Pop/International

1. Perfume Genius: Set My Heart On Fire Immediately (US)
2. Fontaines D.C.: A Hero’s Death (IRL)
3. Badly Drawn Boy: Banana Skin Shoes (GB)
4. Bob Dylan: Rough And Rowdy Ways (US)
5. Sevdaliza: Shabrang (NL)
6. Algiers: There Is No Year (US)
7. Eels: Earth To Dora (US)
8. Nadine Shah: Kitchen Sink (GB)
9. Ghostpoet: I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep (US)
10. Loma: Don’t Shy Away (US)

Pop/Österreich

1. Elsa Tootsie and the Mini Band: II
2. Convertible: Holst Gate II
3. My Ugly Clementine: Vitamin C

Uwe Schütte
Begann das Jahr in musikalischer Hinsicht noch durchaus bemerkenswert - etwa aufgrund des Laibach-/Heiner-Müller-Projekts im Berliner HAU -, stand aus den bekannten virologischen Gründen ab Mitte März das Musikhören zu Hause auf dem Programm. Für mich bedeutete das, endlich die schon länger erwogene Investition in das Abonnement eines Streamingdienstes zu wagen, der Musik im schlechtesten Falle in CD-Qualität anbietet, in aller Regel aber hochauflösende Qualität bis zu 24 Bit bei 96 KHz (oder höher) bereitstellt. Ein Vergleichstest CD-Player vs. Stream 24/41-Format ergab einen klaren Sieg für die Digitalmusik.

Entsprechend der gedämpften Laune angesichts des allgemeinen Laufs der Welt derzeit, habe ich heuer vor allem gehört, was meine Frau als "Heulsusen" bezeichnet, also Sängerinnen mit zumeist melancholischem Einschlag wie Angel Olsen, Agnes Obel oder Fiona Apple sowie natürlich Big Thief mit der wundervollen Adrienne Lenker. Seine Musik am Bildschirm auszuwählen, anstatt in den Plattenkisten zu blättern oder das CD-Regal zu besuchen, verleitet ja dazu, alte Favoriten wieder hervorzukramen. So spornte mich das exzellente neue Tricky-Album "Fall To Pieces" dazu an, mich quer durch sein Werk zu hören, und zwar mit Begeisterung. Ähnlich verfuhr ich dank der Kompilation "10:20" mit Wire. "Free Love" von Sylvan Esso war ein veritabler Dauerbrenner unter den Neuerscheinungen, ähnlich wie alles vom genialen Nicolas Jaar. Dank Streaming entdeckt man ja auch immer Unerhörtes, was in meinem Fall die aus dem Jahr 2017 stammende Mini-LP "Sander" von Bellows war, dem Duo aus Giuseppe Ielasi und Nicola Ratti: durchsichtiger, ätherischer Post-Techno. Unvergleichliche Musik für ein beschissenes Jahr.

Pop/International

1. Michael Rother: Dreaming (D)
2. Matt Berninger: Serpentine Prison (US)
3. Angel Olsen: Whole New Mess (US)
4. US Girls: Heavy Light (CAN)
5. Yves Tumor: Heaven To A Tortured Mind (US)
6. Adrianne Lenker: Songs/Instrumentals (US)
7. Fiona Apple: Fetch The Bolt Cutter (US)
8. Wire: Mind Hive (GB)
9. Agnes Obel: Myopia (DK)
10. Rustin Man: Clockdust (GB)

Pop/Österreich

1. Culk: Zerstreuen über euch
2. Kruder & Dorfmeister: 1995
3. Ernst Tiefenthaler: Luna Park