Hierzulande dürfte der Mann eher noch nicht in der breiten Öffentlichkeit angekommen sein. Dafür spricht nicht nur die Reaktion "Bad wer?" auf die Nachricht, dass es sich bei Bad Bunny um den meistgestreamten Act des Jahres 2020 handle. Auch ein kurzer Blick in die rezentere heimische Chartsgeschichte unterstreicht mit den Spitzenplätzen 26 und 14 für seine 2018 veröffentlichten Singles "Mia" (feat. Drake) und "I Like It" (gemeinsam mit Cardi B und J Balvin), dass bei uns in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie noch Luft nach oben besteht.

Vollkommen anders stellt sich die Situation hingegen in der lateinamerikanischen Welt sowie in den USA dar, wo es am bösen Häschen - das im Übrigen gar nicht so böse ist, dafür aber mindestens so fleißig wie seine batteriebetriebenen Freunde aus der Werbung - kein Vorbeikommen gibt. Nach seinem Überraschungserfolg mit dem Debütalbum "X 100pre" von 2018 und der im Jahr darauf nachgeschobenen Gemeinschaftsarbeit "Oasis" mit seinem kolumbianischen Kollegen J Balvin war ausgerechnet das, nun ja, außergewöhnliche Musikjahr 2020 das Jahr des am 10. März 1994 als Benito Antonio Martínez Ocasio geborenen Reggaeton- und Latin-Trap-Acts aus Puerto Rico.

Reggaeton mit Brückenschlag

Mittlerweile 3,3 Milliarden Streams für sein im Februar veröffentlichtes Album "YHLQMDLG" allein auf Spotify künden ebenso davon wie ein gemeinsamer Super-Bowl-Auftritt mit Shakira und Jennifer Lopez oder Coverfotos für die renommierten US-Ausgaben von "Rolling Stone" und "Playboy". Als Trost für seine pandemiegeplagten Fans wurde im Mai übrigens noch schnell die Resteverwertung "Las Que No Iban A Salir" auf den Markt gebracht, bevor Bad Bunny diesen bereits Ende November mit einem weiteren genuinen Studioalbum aufmischen sollte.

Über "El Último Tour Del Mundo" ist zuvorderst zu sagen, dass es sich dabei um das erste spanischsprachige Album handelt, das es jemals an die Spitze der US Billboard 200 geschafft hat. Der 26-jährige Rapper, Sänger und Songwriter eröffnet es also nicht von ungefähr mit der Nummer "El Mundo Es Mío", "die Welt gehört mir". Österreich ist bekanntlich nicht die Welt, aber das wird vielleicht auch noch werden. Immerhin verbreitert Bad Bunny sein ursprüngliches Revier mit den 16 darauf gebotenen Songs noch einmal erheblich. Zusätzlich zu den bewährten Dosenbeats zum Cruisen durch die Stadt im tiefergelegten Sportwagen kommt es neben einem Mehr an Pop diesmal auch zum einen oder anderen überraschenden Brückenschlag. Zu nennen wäre etwa die Verbindung von klassischem Reggaeton mit Gitarren aus dem Collegerock vergangener Zeiten.

Liebemachen im Ferrari

Nach den durchaus zum gemeinsamen Feiern geeigneten Stücken des Albums "YHLQMDLG", einer Hommage Bad Bunnys an die in Corona-Zeiten eher nicht so angesagten "Marquisinas", also die Garagenparties seiner Heimat, geht es auf "El Último Tour Del Mundo" übrigens etwas gedämpfter zu. Und so dumpf sich Bad Bunnys Sprechgesang mitunter auch anhören mag: Zahlreiche der üblichen Klischees sind in seinen Songs nicht zu finden, wenn man einmal davon absieht, dass es gelegentlich aus recht explizit maskuliner Sicht ums Liebemachen im Ferrari geht und dabei also auch die im US-Hip-Hop vorgebetete Glorifizierung von Luxus eine Rolle spielt. Nennen wir es Showbusiness. Im echten Leben ist der katholisch erzogene Sohn eines LKW-Fahrers und einer Lehrerin längst karitativ aufgefallen. Außerdem setzt sich Bad Bunny explizit gegen Misogynie und Gewalt gegen Frauen ein und stellt sich auf die Seite der LGBTQ-Szene. Sein Landsmann Ricky Martin hat ihn dafür bereits als "Ikone der lateinamerikanischen Queer-Community" bezeichnet, auch wenn Bad Bunny in Songs wie "La Noche de Anoche" dann eh sehr heteronormativ mit seiner Kollegin Rosalía turtelt.

Gerade als heterosexueller Künstler in einem stereotyp geprägten Genreumfeld hat Bad Bunny jedenfalls ein immenses Potenzial als Integrationsfigur - das er, so scheint es, geschickt zu nützen versteht.