Musikalisch betrachtet war 2020 das Jahr der abgesagten Konzerte, dafür erfreuten virale Händewaschsongs und spontan veröffentlichte Lockdown-Alben die Kundschaft. Von Neil Diamond, der daheim vor dem Kaminfeuer seinen alten Hit "Sweet Caroline" neu textierte ("Hands, washing hands . . .") über den Abstellkammerl-Rave von Charli XCX auf dem Album "How I’m Feeling Now" bis hin zu Paul McCartneys Wiederkehr als Einmannband der Quarantäne ("McCartney III") reichte die Palette.

Spät, aber doch ist jetzt auch Iggy Pop auf die Idee gekommen, die gegenwärtige Pandemie künstlerisch zu verwerten. Im Internet erklärte sich der heute 73-jährige Punk-Gevatter und ehemalige Sänger einer erheblichen Risikogruppe namens The Stooges im Rahmen einer Videogrußbotschaft so: Sein Song "Dirty Little Virus" sei von einem direkten Text mit journalistischem Zugang geprägt, der sich auf die harten Fakten ("Who, what, when, where") konzentriere anstatt auf das nicht nur für einen Popsong vermutlich zu komplexe "Warum". Wobei man zumindest der Zeile "Grandfather's dead, got Trump instead" journalistische Schlampigkeit vorwerfen könnte. Vielleicht aber präsentiert uns Iggy Pop hier auch nur die Zeitung von gestern.

Für die Beschäftigung mit dem Corona-Blues wurde jedenfalls das passende musikalische Setup gewählt. Der staubtrockene und desperat verschleppte Bluesrock bleibt reduziert und macht sich nach alten Punkvorgaben in weniger als drei Spielminuten keine Illusionen. Wobei zur Halbzeit mit einem Bläser-Arrangement des US-Jazzmusikers Leron Thomas schmuckes Beiwerk auftaucht. Die Zusammenarbeit mit dem texanischen Trompeter und Komponisten hatte im Jahr 2019 bereits "Free" geprägt, Iggy Pops teils endzeitlich gestimmtes Studioalbum Nummer 18.

"No fun"

"She's only nineteen / but she can kill ya": Ob James Newell Osterberg Jr. in "Dirty Little Virus" das Covid-19-Virus als junge Frau oder diese nur als potenzielle Überträgerin auftreten lässt, bleibt offen. Unzweifelhaft ist hingegen die mögliche erotische Lesart (Stichwort kleiner Tod!), die sich auch mit zwei Brückenschlägen und Werkklammern bestätigt. Einerseits erinnert das von Bass und Gitarre verbreitete Grundmotiv bald an "Dirt", den sexuell konnotierten Stooges-Klassiker von 1970. Andererseits dient eine Anspielung an die Langweiligkeitsstudie "No Fun" von 1969 dazu, vor allem die Freudlosigkeiten und Zumutungen des Social Distancing zu beklagen, unter denen seit Monaten nicht zuletzt Singles leiden: "Can't have no fun, can't touch no one."

In seiner Grußbotschaft trägt Iggy Pop übrigens T-Shirt statt oben nichts. Denken wir einmal darüber nach!