Am Dienstag der Vorwoche ist der Jazzpianist, Komponist und Filmmusiker Claude Bolling gestorben; der Franzose wurde 90 Jahre alt. Sein Tod ist in der internationalen Presse betrauert worden - in der heimischen war bisher aber kein Wort darüber zu lesen.

Diese Zurückhaltung ist bis zu einem gewissen Grad verständlich. Claude Bolling hatte nämlich zeitlebens starke Konkurrenz. Als Jazzpianist, der Barockmusik mit dem Swing vermählte, ist nicht er, sondern Jacques Loussier in die Geschichte eingegangen. Und als französischer Filmmusiker mit einem Faible für den Jazz der grandiose Michel Legrand. Gleichwohl verdient sich auch Bolling einen würdigen Schlussvorhang, denn er hat ein charmantes Œuvre hinterlassen - und nicht zuletzt ein Album, das sich seit dem Jahr 1975 mehr als eine Million Mal verkaufte und die amerikanischen Billboard-Charts stürmte.

1930 in Cannes geboren, galt Bolling als Wunderkind. Schon als 14-Jähriger stand er mit Lionel Hampton auf der Bühne, seine Technik soll bereits damals ausgereift gewesen sein. Bolling war am klassischen Swing geschult, er interessierte sich später auch nicht sonderlich für die Aufbrüche des Jazz in atonale Gefilde. Umso mehr begeisterten den Pianisten jene Verschmelzungsversuche zwischen Jazz und Klassik, die in seiner Jugend en vogue waren: Im Europa der 60er Jahre experimentierten damit etwa Jacques Loussier und Eugen Cicero ("Rokoko-Jazz") - sie griffen damit etwas auf, das in den USA bereits das Modern Jazz Quartet, Dave Brubeck und der intellektuelle Third Stream erprobt hatten.

Swing trifft Kontrapunkt

Bei Bolling besaßen diese Grenzgänge etwas Charmantes, Spielerisches - und Schelmisches. Letzteres besonders bei seinem frühen Album "Jazzgang Amadeus Mozart" (1965), das die Göttermelodien des Salzburgers mit schrägen Bläsern und frivolen Blue Notes verballhornte. Bolling bewies bald aber auch ein Geschick als eleganter Notensetzer im Crossover-Fach: Seine "Suite for Flute and Jazz Piano Trio" - auf dem Cover: eine rauchende Flöte und ein sichtlich erschlafftes Pianino gemeinsam im Bett - springt keck zwischen barockem Kontrapunkt und federnden Swingpassagen hin und her. Pfiffige Einfälle verquickten sich mit gediegenem Tonsatz-Handwerk und zeitigten gemeinsam mit einer Brise Klassik-Prestige (Jean-Pierre Rampal an der Solo-Flöte) im Jahr 1975 eine Grammy-Nominierung.

Dieses Konzept hat Bolling etliche Male abgewandelt, unter anderem in seiner "Suite for Violin and Jazz Piano Trio" (eingespielt mit dem Stargeiger Pinchas Zukerman) und in der "Suite for Cello and Jazz Piano Trio" (mit niemand geringerem als Yo-Yo Ma am Viersaiter); die Verkaufszahlen des Flötenerfolgs erreichte er aber nicht wieder.

Als Musik-Allrounder hat Bolling außerdem nicht nur Arrangements für Bühnengrößen wie Juliette Gréco geschrieben, sondern auch die Soundtracks für rund hundert, weitgehend französische Filme verfasst. Eine seiner berühmtesten Kennmelodien - unverkennbar spitzbübisch swingend - ziert den Gangsterfilm "Borsalino" (1970) mit Jean-Paul Belmondo und Alain Delon.