Prognosen sind bekanntlich schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Trotzdem wirft die BBC mit ihrem auf der Einschätzung von Branchenexperten beruhenden "Sound of ..."-Poll seit dem Jahr 2003 einen Blick ins womöglich gar nicht so Blaue der uns allen blühenden Popzukunft. Wobei zum jährlich anstehenden Diskussionsthema namens "selbsterfüllende Prophezeiung" zu sagen ist, dass das Ranking zwar mit historischen Siegern wie 50 Cent, Mika, Adele, Michael Kiwanuka oder Haim und Namen wie den Yeah Yeah Yeahs, Franz Ferdinand, James Blake oder Frank Ocean auf den Rängen über Jahre erfolgreich war. Allerdings ist seit der Wahl Sam Smiths zum "Sound of 2014" der Wurm drin. Wer zum Teufel etwa nachfolgende Gewinner wie Years & Years (2015) oder Sigrid (2018) sein sollen - und was diese heute beruflich machen -, das müsste man jetzt googeln.

Gewalt, Drogen, Tod

Mit dem 1998 im britischen Slough geborenen, bis zu seinem zehnten Lebensjahr aber bei seiner Großmutter in Gambia aufgewachsenen Rapper Pa Salieu kehrt im Jahr 2021 jedenfalls wieder eine gewisse inhaltliche Relevanz zurück. Stichwort: Gesellschaftliche Verhältnisse, Sozialrealismus, das Thema des sogenannten "Problemmilieus", Arbeitslosigkeit, Gewalt, Drogen, Tod. Immerhin kündet der heute 22-Jährige nicht nur auf seinem von der Kritik gefeierten, im November des Vorjahres veröffentlichten Debüt-Mixtape "Send Them To Coventry" von den Zuständen in seiner späteren Heimat.

Auch realbiografisch tauchte Pa Salieu in den Nachrichten auf, nachdem ihm im Oktober 2019 vor einem Pub in den Kopf geschossen wurde. "Look, my name is Pa and I’m from Hillset / Bust gun, dodge slugs, got touched, skipped death", so beginnt der nach glimpflichem Ausgang wiedergenesene Rapper etwa sein prototypisch in nur rund zwei Spielminuten gereichtes Stück "Block Boy", mit dem "Send Them To Coventry" nicht zufällig eröffnet und so etwas wie unfreiwillige Street Credibility beweist.

Eine Art Happy End

Als ausgestorbenes Pflaster, unter dem der sprichwörtliche Hund begraben liegt, während eine Jugend ohne Perspektiven auch politisch sich selbst überlassen bleibt, wurde die Industriestadt in den West Midlands im Jahr 1981 bereits von der verdienten Skaband The Specials porträtiert ("Ghost Town"). Pa Salieu beleuchtet sie heute in unmissverständlich betitelten Songs wie "No Warnin’" oder "Frontline" aus der Perspektive einer in betongrauen Wohnsiedlungen am Stadtrand beheimateten Abwärtsspirale mit teils eingestreuten Schusswaffengeräuschen und unter namentlicher Erwähnung eines diesbezüglichen österreichischen "Exportschlagers": Peng, peng!

Zu oft desperaten und teils aufgeriebenen Sounds in reduziert-zurückhaltenden bis minimalistischen Arrangements, die wie im erwähnten "Frontline" mitunter auch auf schmucke Nebensächlichkeiten wie Melodiebögen oder Harmonien verzichten, bleiben die Raps im Tonfall allerdings meist eher unaufgeregt. Wirklicher Zorn oder Aggression jedenfalls ist ihnen nur in Ausnahmen anzuhören. Nicht zuletzt mit Stücken wie dem zu zartem Drumgeklapper aus dem Laptop elektronisch pling-plongenden "B***K" gelingt Pa Salieu in diesem Spannungsfeld auch ein möglicher weiterer Soundtrack zur #BlackLivesMatter-Bewegung.

Im Spielverlauf sorgen nicht zuletzt bei "More Paper" und "Active" eingestreute käsige (80er-Jahre-)Sounds für ein Mehr an melodischer Zugänglichkeit, das auch Pa Salieus Vertragspartner erfreuen dürfte. Mit Warner Music hat sich bereits ein Majorlabel der jungen Zukunftshoffnung angenommen, das Ergebnisse sehen will.

Im Gegensatz zu im Grunde allen recht nüchtern gefärbten Nummern davor schließt das Mixtape übrigens auch inhaltlich mit einer Art Happy End. Als King Salieu setzt sich die Stimme von unten bei "Energy" die Krone der Selbstermächtigung auf und beschwört gemeinsam mit Gastsängerin Mahalia die Zuversicht: Die Abwärtsspirale endet hier.