Man hat sich ja die Idee einer "Arbeiter-Kultur" ziemlich abgeschminkt. Eine "Arbeiterklasse", in die einst Gesellschaftsreformer revolutionäre Hoffnungen gesteckt hatten, gibt es in dem Sinn heute nicht mehr. Linke Kulturschaffende, die sie einst zu bewegen versuchten, haben sich, desillusioniert oder beleidigt, dass Arbeiter heute lieber rechten Demagogen folgen, abgewandt. Alle?

Ein bisschen ist das Duo Sleaford Mods für die Pop-Kultur das "gallische Dorf", das Widerstand leistet. In dem Fall nicht gegen einen Okkupator, sondern einen Zeitgeist im Unstern von Neoliberalismus und Turbokapitalismus. Ihre Texte, in ärgstem, selbst für viele Engländer nur rudimentär verständlichem East-Midlands-Slang herausgerotzt, erzählen mit unleugbarem Reim- und Wortspiel-Geschick von denen, die beim Arbeitsamt anstehen, in Substandard-Quartieren hausen, die man nie zu Events einlädt, kommentieren aber auch sarkastisch politische Realitäten wie den Brexit oder, wie gegenwärtig, Corona und seine Folgen.

Der vokale Vortrag ist mit einer dermaßen giftigen Penetranz herausgegeifert, dass man unwillkürlich Angst um die Zimmerpflanzen bekommt. Die fast ausschließlich elektronisch generierte Musik ist bar jeglicher Schnörkel mit atemloser Hektik heruntergebrettert, als gäbe es, Stichwort "No future!", kein Morgen.

Das alles begeistert die Briten. In der Heimat wird das Duo von der Musikpresse bejubelt und ist mit seinen LPs seit ein paar Jahren auf Top-Ten-Plätze in den Charts abonniert. Aber auch Deutschland hat an Jason Williamson (Stimme, Texte) und Andrew Fearn (Laptop) einen Narren gefressen. 2017 verewigte sie die Musikjournalistin Christine Franz in dem Dokumentarfilm "Bunch of Kunst". "Kunst" ist eine Paraphrase auf das besser unübersetzt bleibende englische "cunts" und hört sich in Williamsons Aussprache identisch an.

Sleaford Mods aus Nottingham sind keine Newcomer, sondern gestandene Haudegen um die 50, die alles Mögliche versucht haben. Williamson führte, während er sich mit Arbeiten auf dem Sozialamt und in einer Hühnerfabrik finanziell über Wasser hielt, eine Band im Stil der Small Faces, versuchte sich als Singer-Songwriter, spielte Sessions mit Bands wie Spiritualized und Bent. 2007 gründete er Sleaford Mods mit Simon Parfrement. Fearn, der in einem Callcenter Mitgliedschaften für Fitness-Clubs verkauft und als DJ in einem Club in Nottingham seine eigene Grime-artige Musik aufgelegt hatte, stieß 2012 dazu, während sich Parfrement musikalisch zurückzog und die Band fortan als Fotograf und Medienkontakter unterstützte. Inklusive der Veröffentlichungen vor Fearns Einstieg ist "Spare Ribs" das bereits elfte, aber selbst mit dem heutigen Line-up schon das siebente SM-Album - unter Ausklammerung der hörenswerten, 2019 erschienenen Kompilation "All That Glue", die Novizen vermutlich am besten mit dem Werk des Doppels vertraut macht.

Galliger Seitenhieb

"Spare Ribs" meint übrigens nicht die beliebten Rippchen, sondern das, was als überschüssig erachtet wird, was überbleiben kann. So jedenfalls sehen Williamson und Fearn den Umgang britischer Eliten mit den als "unproduktiv" diskreditierten Teilen der Gesellschaft während der Corona-Krise. Auf "Spare Ribs" präsentiert sich das Zweigespann mit behutsam erweitertem Aktionsradius. Das manifestiert sich am stärksten im abschließenden "Fishcakes" - und zwar sowohl musikalisch durch seinen melodischen Flow wie auch inhaltlich, indem es in Erinnerungen Erholung von der trostlosen, gewohnt übellaunig reflektierten Gegenwart mit ihrem "lockdown stress" sucht. Auch "Mork ’n’ Mindy", mit Gastauftritt der Sängerin Billy Nomates, ist eine Reminiszenz an die Vergangenheit: Indem der Protagonist die gleichnamige TV-Sitcom von Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre in seinem Kopf umgestaltet, setzt er dem realen Leben in einem eher unwirtlichen Mietshaus die Kraft der Fantasie entgegen.

"Elocution" mutet hingegen wie ein galliger Seitenhieb auf die Kollegen aus dem Indie-Pop-Lager an: "Hello there, I’m here today to talk about the importance of independent venues. I’m also secretly hoping, that by agreeing to talk about the importance of independent venues I will end up in a position to move away from playing independent venues."