Drei Jahre nach dem von Kritik und Hörerschaft gefeierten Debütalbum "Songs Of Praise" veröffentlicht das Londoner Quintett Shame mit "Drunk Tank Pink" sein zweites Album. Ein Gutteil des Erfolgs mit dem Erstling beruhte auf der manischen Energie und der stürmischen Leidenschaft, mit der die Band rund um Sänger Charlie Steen ihrer Wut und Unzufriedenheit über die gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen in ihrer Heimat musikalisch Luft verschaffte. Thematisch standen Arbeitslosigkeit, Existenzängste, die Probleme der einst so stolzen britischen Arbeiterklasse, Ausländerfeindlichkeit und die Folgen der englischen Ausformung neoliberaler Politik im Zentrum der Songs.

Daran hat sich nichts geändert. Weiterhin sparen Shame nicht mit empörten und im bitter-zynischen Tonfall gehaltenen Klagen über die englische Lebensrealität in Zeiten von Brexit, Corona und Boris Johnson. Neu sind die nachdenklicheren Töne, die sich dem Kampf gegen innere Dämonen und private Ängste widmen. Obwohl noch immer lärmende Gitarren und scheppernde Schlagzeug-Rhythmen das Klangbild bestimmen, ist der Sound auf "Drunk Tank Pink" vielfältiger und dezent experimenteller ausgefallen. Produzent James Ford (Arctic Monkeys, Depeche Mode, The Last Shadow Puppets) gelang es, die ungestüme Geradlinigkeit der Musik zu erhalten, sie aber um komplexe Tempowechsel und düster-melancholische Klangbilder zu ergänzen.

Die elf Songs des Albums mäandern ambitioniert und vital durch diverse Genres und Zeiten, ohne je das feste Fundament des Post-Punk zu verlassen. Während "Great Dog" und "Harsh Degrees" in ihrer ungestümen Art an das Debüt erinnern und "Born In Luton" und "March Day" auf gekonnte Art die frühen Talking Heads zitieren, stehen "Alphabet", "Water In The Well", "Snow Day" und "Nigel Hitter" für die neue Vielfalt im Shame-Sound.

Wie der Geist des Punk und die Haltung der Arbeiterklasse dabei weitergetragen werden, macht die Band schon nach zwei Alben zu einer beständigen Größe.