Pophistorisch war der Do-it-yourself-Gedanke in erster Linie mit der Punk-Bewegung verbunden. Die Idee, etwas zwar nicht zu beherrschen, es aber trotzdem zu tun - Kunst also mehr über das Wollen als über das Können zu definieren -, brachte dabei nicht nur ungeahnte neue Möglichkeiten mit sich, sie ließ unter Zuhilfenahme einer zerrissenen Jeanshose und der entsprechenden Haarcoloration auch noch ein Gegenüber verzweifeln, das man damals "Establishment" nannte.

Kurz gesagt, wer im Pub am lautesten nach einem neuen Bier rufen konnte und auch sonst eine große Klappe bewies, wurde als Sänger engagiert, wer am Ende der Nacht beim Klimpern gegen die Flaschen noch halbwegs den Takt hielt, zum Drummer gemacht. An der Gitarre waren zweieinhalb leidlich beherrschte Akkorde für ein Album genug. Im Wesentlichen ging es ohnehin darum, eine Scheißwut auf ein Scheißsystem zu beweisen, gegen das man sich kollektiv als Quartett oder Trio sowie vor versammelter Zuhörerschaft auf alten Schlachthöfen und Industriearealen zusammenschloss.

Apropos Kollektiv: In der Corona-Pandemie erweist sich diese Konstellation bekanntlich als großes Dilemma. Nicht genug damit, dass Konzerthallen und Clubs geschlossen sind, Proberäume zugesperrt haben und das Zusammenkommen als Gruppe im Lockdown verboten ist: Selbst Singen gilt in Innenräumen aerosolbedingt als problematisch - vom Grölen zorniger Anti-System-Botschaften bei entsprechendem Keimausstoß (der Schaum vor dem Mund!) ganz zu schweigen.

Songs statt Sauerteig

Profiteur ist also auch auf dem Musiksektor der Nerd, der sich, mit allen technischen Wassern gewaschen, schon bisher die Zeit allein vor dem Rechner vertrieben hat. Nach dem Aufkommen der elektronischen Musik und ihrer Etablierung sowie über den steten Ausbau von Rechenleistung und Speicherkapazität und letztlich die Errungenschaften der Digitalisierung sind der im Jahr 1981 auf dem Album "Computerwelt" von Kraftwerk besungene "Musikant mit dem Taschenrechner in der Hand" heute endgültig wir alle. Zumindest wenn man den dafür nötigen guten Willen mitbringt und den Taschenrechner gegen ein Tablet austauscht. Noch nie war es zumindest auf dem Papier einfacher, zu Hause Musik aufzunehmen. Das ist toll, immerhin dürfte der Zeitpunkt im Lockdown, an dem sich die Beschäftigung mit dem Sauerteig als nicht mehr abendfüllend erweist, langsam gekommen sein.

Historisch betrachtet scheint ein Blick auf die Industrialisierung und ihre Folgen nicht ganz verkehrt. Schließlich ging es auch im Musikgeschäft irgendwann darum, sich die Maschinen zu eigen zu machen, wo diese zuvor ein Abhängigkeitsverhältnis einzementiert hatten. Wobei etwa der Austausch für sich genommen unbezahlbarer Zeit in teuren Mietstudios gegen kostengünstige Aufnahmesoftware für Daheim neben einer Pleitewelle alter Systemverwalter auch ein Ankommen sehr vieler "unabhängiger" Ich-AGs in der neoliberalen Dienstleistungsrealität mit sich brachte. Die Voraussetzungen für die professionelle Musikproduktion sind zwar entschieden günstiger geworden, diese Entwicklung hatte allerdings ihren Preis.

Der Heimproduzent selbst hat fürs Erste aber ohnehin trivialere Sorgen. So billig und einfach das Homerecording unter Zuhilfenahme von Laptop, Audio-Interface, Midi-Keyboard und einer sogenannten Digital Audio Workstation (DAW) zum Aufnehmen, Bearbeiten und Arrangieren von Tonspuren theoretisch auch ist - oder sein mag -, so sehr kann man als Laie womöglich schon beim Verkabeln auf Grenzen stoßen.

Von der Auswahl der richtigen Software für die eigenen Bedürfnisse und dem Umgang mit sehr vielen digitalen Knöpfen und Reglern einmal abgesehen. Und auch die Tatsache, dass es zahllose Wege gibt, um ein und dasselbe Ziel (nicht) zu erreichen, dürfte mitunter für graue Haare sorgen. Vielleicht gibt es ja doch einen Grund, warum sich Bands Produzenten leisten, die die technische Abwicklung für sie übernehmen. Zumindest beschleicht den blutigen Anfänger eine gewisse Vorahnung, bevor er auf YouTube wechselt, um dort hektisch nach Tutorials zu suchen, die es heute zum Glück für beinahe alles gibt - nicht nur in den diversen Heimwerkermilieus.

Zweifingertechnik

Auf YouTube kann man sich übrigens auch von einem Account namens iSongs wahlweise erheitern oder schwer deprimieren lassen. Schließlich wird dort dargelegt, was man etwa mit dem Programm GarageBand so alles anstellen kann - wenn man es denn kann. Das erstmals im fernen Jahr 2004 vorgestellte Apple-Produkt wird zwar mitunter als Spielzeug belächelt, ist de facto aber zu einem vielseitigen Studiosubstitut aus der Hosentasche geworden, das mit einer großen Bandbreite an Instrumenten, Loops und Effekten daherkommt und längst auch von Profis verwendet wird, wenn es darum geht, die Zeit als Kreativdienstleister auch zwischen Hotelfrühstück und Flughafentransfer noch ideal zu nutzen. Im erwähnten YouTube-Channel wiederum sieht man nichts weniger als atemberaubende Coverversionen bekannter Hits in Zweifingertechnik via Touchscreen.

Wer zu Hause Musik aufnimmt, hat aber auf jeden Fall schon gewonnen: Zeit, die nicht mit inflationären Negativnachrichten verschwendet wurde, technische Fertigkeiten, die auch in anderen Bereichen helfen können - oder im schlechtesten Fall die Erkenntnis, dass auch der scheinbar trivialste Song erst einmal geschrieben und umgesetzt werden muss. Kunst, die von Wollen kommt, heißt mitunter auch heute noch Wunst.