Seit seinem Auftauchen im Geschäft war die Musik von Kurt Vile durch und durch amerikanisch geprägt. Wobei anstelle der gängigen Folklore oder eines Ausflugs ins Hinterland der weitgehend urban verwurzelte sogenannte Alternative Rock in all seinen Schattierungen das Bezugssystem blieb.

Rückblickend betrachtet mag zwar sein Fingerpicking ebenso Hinweise auf einen möglichen Country-Bezug gegeben haben wie etwa der von einer gewissen inneren Cowboy-Mentalität gekennzeichnete Song "I’m An Outlaw" von 2015. Vordergründig aber hörte man von den im Zeichen der Independent-Kultur aufgebrochenen Classic-Rock-Nachwehen seiner Ex-Band The War On Drugs über den Lo-Fi-Experimentalismus der frühen Homerecording-Dokumente und den langsamen Durchbruch mit Alben wie "Smoke Ring For My Halo" (2011) oder "Waking On A Pretty Daze" (2013) bis herauf zum 78-minütigen "Bottle It In" von 2018 aber vor allem eines: Man hörte den in Philadelphia aufgewachsenen ehemaligen Gabelstaplerfahrer dabei, wie er Lou Reed bei einem "Walk On The Wild Side" unter den Vorgaben eines ordentlich unter Starkstrom gesetzten Garagenrock ebenso in seiner Kunst nachschwingen ließ wie, sagen wir, Neil Young und Sonic Youth in einem verwaschenen akustischen Zupfgitarren-Mashup.

Gerne kam und kommt diese Kunst etwas beiläufig oder benebelt im Sinne von nächtlich-umnachtet und gut eingepofelt daher: menschenfreundlich gestimmte Drogistenmusik. Gemeinsam mit Kurt Viles langer Mähne samt dazugehörigem Out-of-Bed-Look und Jeans-Jacke ergab sich daraus ein gerne erwähntes Slacker-Image, das einer näheren Betrachtung aber nicht standhält. Schließlich hat der heute 41-jährige Sänger und Songwriter seit dem Jahr 2008 neben zwei Alben mit den War On Drugs sieben Solo-Longplayer und eine Gemeinschaftsarbeit mit seiner australischen Kollegin Courtney Barnett ("Lotta Sea Lice") vorgelegt. Von der entsprechenden interkontinentalen Tourtätigkeit einmal ganz abgesehen, die Vile trotz seiner auch in Songs wie "Hysteria" und "Cold Was The Wind" verarbeiteten Flugangst bis zuletzt aufrechterhielt.

Für das aktuelle Werk, eine als Zwischenspiel gereichte 5-Song-EP mit einer Spielzeit von exakt 23 Minuten und dem Titel "Speed, Sound, Lonely KV" (Matador), waren hingegen nur wiederholte Inlandsreisen nötig, die den Vater zweier Töchter - aus Gründen - nach Nashville, Tennessee geführt haben. Anlässlich der im Vorjahr digital vorausgeschickten und nun auch physisch auf Vinyl und CD erhältlichen Arbeit erfährt man etwa von der Begeisterung Kurt Viles für den 2020 an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung verstorbenen US-Songwriter John Prine.

In den Butcher-Shoppe-Studios entstand demnach eine Hommage von mittendrin. Wir hören sanft kurtvileisierten Country, der mit ortsansässigen Akteuren wie Bobby Wood, Dave Roe und Kenny Malone und persönlichen Kollegen wie Matt Sweeney oder Dan Auerbach ohne Schnörkel und Zierrat semiakustisch auf den Punkt gespielt wurde.

Doppeltes Happy End

Neben zwei neuen Originalsongs, dem mitsamt seinem Bierzeltbass zuversichtlich-tröstlich gestimmten "Dandelions" und dem hübsch-herbstlichen Rausschmeißer "Pearls", steht aber auch ein Cover von Jack Clement an. Das 1978 in einer Version von Johnny Cash bekannt gewordene "Gone Girl" erinnert an den in Nashville geborenen und 2013 auch dort verstorbenen Music Man, der vor allem als legendärer Produzent und Toningenieur von Sam Phillips’ Sun Records in die Musikgeschichte einging.

John Prine wiederum wird gleich zu Beginn mit "Speed Of The Sound Of Loneliness" Tribut gezollt, das man in Österreich auch als Cover durch Kurt Ostbahn & die Chefpartie ("Ka Idee") kennen könnte: "Ka ldee, wos i da sogn soll / Ka Idee, wia i dir’s erklär / I waß nua, i bin a so / Und mit’m Erklärn tua i ma recht schwer."

Am Ende ist es mit "How Lucky" von 1979 aber ein neu aufgenommenes Duett von Kurt Vile mit seinem Idol, das den Höhepunkt und - mit der rhetorischen Frage "Hey, how lucky can one man get?" - eine Art doppeltes Happy End der EP markiert. Einerseits kann der Song als zufriedene posthume Lebensbilanz John Prines verstanden werden. Andererseits spricht Kurt Vile angesichts der gemeinsamen Aufnahmesession von einem Höhepunkt seiner bisherigen Karriere.