"Was sind schon Worte, was sind schon Sätze?", singt Conny Frischauf in "Freundschaft", dem langen, monoton-hypnotischen, in der Anmutung Brian Enos "The Ship" nicht völlig unähnlichen Abschlusssong ihres ersten Albums "Die Drift". Es scheint, als wolle die Künstlerin die Validität der Sprache als Sinnvermittler in Frage stellen. Damit ließe sich denn auch, freundlich interpretiert, ihr etwas, sagen wir, distanzierter Ton im E-Mail-Interview mit der "Wiener Zeitung" erklären. So versetzt sie auf die Frage, was sie mit ihren Texten vermitteln will: "Da könnte man auch gleichzeitig fragen: Was ist Sprache? Oder auch: Was ist Poesie?"

Und auch die Bitte, den Titel "Die Drift" zu erläutern, scheint eher Defensivkräfte als ein animiertes Mitteilungsbedürfnis zu stimulieren: "Das Verb ,driften‘ kennen einige vielleicht bereits. ,Die Drift‘ hat, wenn man sie in einem Lexikon der Wahl nachschlägt, mehrere Bedeutungen, die oft in Zusammenhang mit Wasser stehen." Das Ansuchen, kurz ihren Werdegang zu beschreiben, beantwortet sie mit einer Work-in-progress-Probe: "Um aus einem noch unveröffentlichten Lied zu zitieren: ,Leg’s drauf an / und leg mich aus / der Rest steht dann / in meinem Lebenslauf.‘"

Das Problem ist: Ein solcher (Lebenslauf) ist, jedenfalls aus öffentlichen Quellen, nicht ersichtlich. Einem Feature auf der Website des Music Information Center Austria (Mica) von 2019 ist allenfalls zu entnehmen, dass Frischauf außer Musikerin auch Bildende Künstlerin ist, langjährige (und in ihrer Musik gut nachvollziehbare) Erfahrung als DJ hat, in einer Fachwerkstatt für Tonstudiotechnik und elektronische Musikinstrumente gearbeitet hat und solchermaßen jedenfalls Elektronik auch physikalisch gut versteht.

Musikalisch tut sie das sowieso. Und das ergibt nach zwei EPs, "Effekt & Emotion" und "Affekt & Tradition", die sich retrospektiv als Suchen, Experimentieren, Abtasten darstellen, ein hochinteressantes, inspiriertes und facettenreiches Debüt über volle Länge, in dem bei meist moderatem Tempo Elektropop, Klangbilder und -trümmer und der eine oder andere Appell ans Tanzbein ineinander fließen und wieder auseinanderdriften (Nomen!), Strudel bilden, hin und wieder übermütig Blasen werfen und Wellen schlagen.

Gelassen leistet sich die Platte lange instrumentale Flächen; ein Stück ist komplett wortlos; zwei haben jeweils nur Laute, die eingesetzt sind wie Mantras. Ein Meisterstück ist dabei "Eingaben und Ausnahmen", dessen Titel wohl ein begriffliches (Gegensatz-)Paar paraphrasiert. Zwischen einem fast aufreizend einfachen Percussion-Muster, einem runden Bassmotiv und einer überraschenden Trompeten-Attacke macht Frischaufs Stimme in rhythmischen Intervallen ein neckisches Geräusch, das wie "Mhm?" klingt und wie ein herausforderndes "Na, was jetzt?" anmutet.

Kinderlied-Appeal

"Parapiri", der andere "sprachlose" Song, bricht musikalisch ein wenig mit der latent schwebenden Atmosphäre der LP, indem er verschiedene elektronische Texturen dicht verwebt auf den Tanzboden bringt. Selten hatte je eine Platte einen berückenderen Einstieg als "Die Drift": "Es geht rauf, rauf, rauf", so verspricht Frischauf in zartestem Schmelz zu Synthie-Backing mit aufgeweckten Soundspitzen, die tatsächlich ein Emporstreben vermitteln. "Im Nebel abheben / der Bläue entgegen/ zwischendurch am Boden / dann sachte nach oben" - wen könnte ein solch idyllisches Bild dieser Tage verfehlen?

Es gibt noch einige Songs dieser Güteklasse auf dem Album: Das vielleicht oder vielleicht auch nicht philosophische "Fenster zur Straße" ("Ist ein Fenster zur Straße nicht auch nur ein Blick / mit Rahmen und Glas und ganz alltäglich?") beginnt als Rap, der unvermittelt in betörenden Melodiegesang übergeht. "Auf Wiedersehen" geht auf gewisse Weise den umgekehrten Weg, indem der Gesang nach introspektivem Auftakt rhythmische Stringenz aufbaut, um allerdings in einer Coda auszulaufen, deren Kinderlied-Appeal auf komische Weise ihrem ernsten Thema Hohn spricht: "Tust du mir weh / sag ich ade / tschüss, baba, auf Wiedersehen." Wunderschönes melancholisches Sentiment verströmt "Zeit Verdrehen", während "Roulette" als rhythmisch zwingendster Song das Tempo forciert.