Eigentlich waren sie schon 1995 im Orkus der Musikgeschichte verschwunden. 2018 tauchten die Dire Straits, Urheber von Evergreens wie "Money For Nothing", aber noch einmal in den Schlagzeilen auf. Den Engländern rund um Mark Knopfler stand erneut Geldsegen bevor - doch nicht in Form einer Wiedervereinigung. Eine US-Firma hatte mit der Band einen Deal ausgehandelt und bot nun Hedgefonds und Privatpersonen einen Anteil an den Band-Tantiemen. Das klang ähnlich kurios wie die berüchtigten "Bonds" von David Bowie, war aber auch rasch wieder vergessen.

Spätestens seit diesem Winter dürfen Bowie und Konsorten als Pioniere gelten, denn es findet ein veritabler Ausverkauf in der Branche statt. Fast im Wochentakt trennten sich zuletzt Pop-Ikonen von ihren Copyrights. Im Dezember war es kein Geringerer als Bob Dylan: Der 79-Jährige hat seine bisher selbst gehüteten Rechte samt und sonders an Universal Music verkauft. Zu welchem Preis ist nicht überliefert, die Schätzungen belaufen sich auf bis zu 400 Millionen US-Dollar (umgerechnet 330 Millionen Euro). Mick Fleetwood wiederum, ergrauter Gründer von Fleetwood Mac, hat seine Tantiemen-Anteile an die Bertelsmann Music Group (BMG) abgetreten, der Kaufpreis blieb ebenfalls ungenannt.

Etliche andere Kollegen sind mit einem Investmentfonds namens Hipgnosis Songs Fund handelseins geworden: Neil Young, Melodienschmied des "Heart Of Gold", übergab dem Unternehmen 50 Prozent der Rechte an 1180 Songs; Shakira, Sprachrohr des Disco-Fegers "Hips Don’t Lie", widerlegte die These, dass hier nur Oldies mitmischen, und verkaufte ihren gesamten Rechtefundus an den Fonds. "Willkommen in der Hipgnosis-Familie", twitterte das Unternehmen darauf. Es hätte auch von einem "Clan" sprechen dürfen, denn Hipgnosis hat mittlerweile rund 57.000 Lieder quer durch den Gemüsegarten zusammengekauft - Retro-Rock von 10cc, Journey und Blondie, Schmuseschmalz von Barry Manilow, Hip-Hop vom Wu-Tang Clan und Nullerjahre-Kracher der Kaiser Chiefs. Fragt sich: Warum trennen sich so viele Notensetzer von ihrem Familiensilber, über das sie bisher Musikverlage wachen ließen?

Keine Konzerte und Streaming-Peanuts

Dafür gibt es zwei Erklärungen. Die eine wird gern in den Medien kolportiert und sieht Künstler in einer doppelten Notlage. Zum einen hadern die Musiker mit dem Tonträgermarkt: Das beliebte Streaming läuft der CD den Rang ab und wirft pro Click nicht einmal ein paar Netsch ab. Spotify, so zitierte der "Standard" jüngst das Portal Atlas VPN, zahlt für eine Million Clicks lediglich 3.480 US-Dollar, YouTube gar nur 1.540. Peanuts, die Musiker bisher durch ihr Live-Geschäft aufbesserten. Doch dieser Weg ist nun durch die Corona-Krise verbaut. Was bleibt dem Künstler dann noch für einen einträglichen Verdienst? Voilà: Der Verkauf seines geistigen Eigentums, also der Urheberrechte (hierzulande nicht veräußerlich, in den USA aber sehr wohl) sowie der Tantiemenansprüche an den Aufnahmen.

Ist dieser Deal unter Dach und Fach, klingelt es im Beutel des Käufers, wenn die entsprechenden Songs irgendwo ertönen oder Lizenzgebühren für die Nutzung in Serien, Filmen und Werbespots anfallen.

Aber zurück zur Kernfrage: Hat wirklich Corona diesen Verkaufsboom heraufbeschworen? Es gibt noch eine andere Erklärung, und sie kommt ohne das Virus aus. Justus Haerder, Leiter des Bereichs Akquisitionen bei BMG in Berlin, erläutert es am Telefon so: "Es gibt den Trend generell schon seit ein paar Jahren, weil immer mehr Finanzinvestoren den Musiksektor für sich entdecken. Der Hintergrund ist die Entwicklung der Branche." Die Musikwirtschaft bewegt sich in Richtung Wachstum, belegen Daten - jedenfalls im Vergleich mit der Zeit davor: Während die Musikwelt noch 2010 - Stichwort Internet-Piraterie - an sinkenden Umsätzen litt, verbucht sie dank Streaming wieder Zuwächse.

Aber kann man einer Branche wirklich rosige Aussichten bescheinigen, deren Protagonisten über Mikro-Einkünfte klagen? Haerder widerspricht dieser Kritik mit einem gängigen Argument der Industrie: À la longue seien die Einnahmen keineswegs mickrig. "Während Künstler am Verkauf einer CD oder LP nur einmalig (mit)verdient haben, verdienen sie beim Streaming bei jedem Click. Sie bekommen also vielleicht am Ende genauso viel oder sogar mehr, es dauert nur länger", meint der BMG-Mann.

Jedenfalls lockt dieses System die Finanzwelt an: "Katalog-Repertoire verdient nun verlässlich und regelmäßig Geld, statt einem einmaligen Release-Hype zu unterliegen. Außerdem ist das Geschäftsfeld krisenresistent, es wird auch in der Pandemie unvermindert gestreamt." All das treffe den Geschmack der Investoren: "Was sie mögen, sind vorhersehbare, wiederkehrende Einkünfte. Insofern lassen sich Songrechte als Anlageform in etwa mit einem Immobilienfonds vergleichen. Dort können Investoren mit vorhersehbaren Mieteinkünften rechnen und hoffen, dass ihre Anlage auch noch an Wert gewinnt."

Der Markt für Songrechte auf dem Weg zur Blase?

Dieser Gedanke dürfte auch die Gründung von Hipgnosis beflügelt haben. Der Fonds, benannt nach einer legendären Designfirma für Plattencover, wirbelte seit seinem Londoner Börsengang 2018 so viel Staub auf, dass die "New York Times" dem Unternehmen des Kanadiers Merck Mercuriadis jüngst ein üppiges Porträt widmete. Das Rezept des ehemaligen Künstlermanagers: Er pumpt Geld aus Kapitalerhöhungen unablässig in den Kauf von Songrechten; bis dato soll er 1,7 Milliarden (!) Dollar für den Erwerb investiert haben. Der Fonds konnte seinen Aktienkurs über das Vorjahr steigern, zahlt Anlegern jährlich sieben Prozent Dividende - und zählt die Church of England zu ihren Großinvestoren.

Ob das Geschäft mit den Songrechten weiter so blüht, wird sich weisen. Zumindest einige Skeptiker befürchten eine Blase. Mercuriadis überbiete die bisher marktüblichen Tarife bei weitem, heißt es: Er zahle mehr als das 20-Fache, was das Objekt seiner Begierde jährlich an Tantiemen einbringe, und treibe die Preise damit in realitätsferne Höhen. Mercuriadis dazu markig in der "New York Times": "Die Einzigen, die sagen, dass ich überzahle, sind diejenigen, deren Zugang ich gekillt habe."