Auf aktuellen Pressefotos posiert die Band in weißen Bademänteln. Das
ist für den gelernten Österreicher natürlich ein Sakrileg. Immerhin gehört es
neben einem Kredit bei der Raika oder der Begrüßung Peter Schröcksnadels als
"Präsident" zu den obersten Staatsbürgerpflichten, das Kleidungsstück im
Unterhaltungsbereich mit Udo Jürgens – und nur mit Udo Jürgens! – zu verbinden,
seit der erstmals 1969 bei einem Auftritt in Hamburg den Zugabenteil im
flauschigen Frottee-Überwurf absolvierte.

Aktuell dürfte die Wiener Band Kreisky um den jetzt Schnauzbart und Lockdownhaarschnitt, im Wesentlichen also keine Frisur tragenden Sänger und Texter Franz Adrian Wenzl damit aber auch bei mindestens einer weiteren Neigungsgruppe anecken. Freunde der gepflegten Freikörperkultur in k.u.k. oder rezenteren Thermalbädern etwa sitzen derzeit pandemiebedingt auf dem Trockenen, was erhebliche Schweißausbrüche bei gemeinsamen Aufgüssen betrifft. Das drückt außer auf die Ausgeglichenheit, die Entspannung oder das innere Chi auch auf das Verständnis für aufstrebende junge Musikkapellen ohne Respekt und Manieren!

Ein Blick auf den Albumtitel führt übrigens gleichfalls ins Wasser: "Atlantis" (Wohnzimmer Records), Werk Nummer sechs im Katalog des 2005 gegründeten Quartetts, adressiert zumindest auf dem Papier den gleichnamigen Inselstaat aus der Schreibstube Platons, der einst nach einer militärischen Niederlage (die gescheiterte Eroberung Athens im Jahr 9600 vor Christus!) unter und für immer baden gegangen sein soll.

Auszucken in der Wohnung

Kreisky sagen im Weiteren aber glücklicherweise eh nicht "Lernen’s ein bisschen Geschichte!" - und sie liefern mit den acht noch vor Ausbruch der Corona-Krise geschriebenen neuen Songs auch keine dystopische Parabel. Zum richtigen Zeitpunkt kommt das Album trotzdem. In einer längeren Phase ohne Konzerte lässt sich dazu auch daheim in der Wohnung endlich wieder einmal richtig schön auszucken. Wir machen das Silent-Disco-mäßig mit Kopfhörern und aus Rücksichtnahme auf die Nachbarn beinahe zivilisiert. Die "Atlantis"-Vorabsingle Nummer eins heißt passenderweise "ADHS" und verlegt das im Kreisky-Universum zentrale Thema des Ungemachs diesmal ins Herz der Erziehungsberechtigtenszene: "Und dann hat er geschrien / halt jetzt den Mund / Und dann hat sie geschrien / lass doch den Buben / Dann haben wir ganz höflich gesagt / das ist eine Wohngegend / und euer Kind hat einfach / ADHS!" Dazu zuschen und zoschen die Sounds und quengelt die Gitarre gut zum verhaltensauffällig zickezackenden Schlagzeug.

Aua, gerade verstauche ich mir beim Auszucken den Fuß am Couchtisch! Franz Adrian Wenzl währenddessen im Song "Lonely Planet", der die auf den letzten beiden Kreisky-Alben "Blick auf die Alpen" (2014) und "Blitz" (2018) exerzierte Hinwendung zu mehr Pop auch mit dem einen oder anderen zart käsigen Keyboardsound fortführt: "Wem gehört die Welt? / Wem gehört die Welt? / Den Mutigen, den Blutigen / Denen, die nicht aufhören zu tanzen!"

Theaterdonner

Sehr hübsch auch die gewohnt österreichische Lebensphilosophie aus in diesem Fall bettlägerigem Krankenhaus-Blickwinkel mit galligem Humor zu einem im mittleren Tempobereich wedelnden Rhythmus: "Im Fernsehen dann ein Interview / Mit einem früheren Skistar / Marcel Hirscher, denke ich / Mit so wem will ich auch nicht tauschen / Abfahrt Slalom Super-G / Das zermürbt einen doch!!"

Und apropos Folklore der Heimat: Dass man sich den Austausch des Großstadtklimas gegen die leidlich frische Landluft nicht nur wegen der Sache mit dem Kuhdung und den Dieseltraktoren gut überlegen sollte, ist zwar nicht neu. Zwischen einem Refrain in akuter Schlagernähe und dem Theaterdonner seiner mittlerweile gesammelten Bühnenerfahrung ringt Wenzl der Gesamtsituation aber ein paar schöne und ganz schön theatralische Nuancen ab: "Kilometerweit Weizen / Auch die Leute, auch die Leute sind gegen uns / Sie telefonieren von Haus zu Haus / Wer sind die beiden Fremden? / Kilometerweit Weizen / Du sagst, ich wette, der Weizen ist verwanzt / Aber ich sage, das ist nicht notwendig / In dieser Gegend sieht Gott noch alles selbst."

Allerdings kann die Band auch anders. Mit dem mächtigen Sound einer Kirchenorgel beschwören Kreisky bei "Wenn einer sagt" am Ende eines tollen, abwechslungsreichen Albums die Notwendigkeit der Selbstakzeptanz - und den gerade auch in schwierigen Zeiten unabdingbaren Mut zu einem Weg gegen Widerstände: "Wenn einer sagt / Was du da machst / hat doch keinen Sinn / Sag: Es hat meinen Sinn / Wenn einer sagt / Was du da machst / ist der letzte Dreck / Sag: Es ist mein Dreck."