Das Musikvideo zur Vorabsingle "Chelsea Hotel #3" erinnert weniger an ein herkömmliches Beispiel seiner Art als vielmehr an eine künstlerische Fortsetzung einer aus dem Erotikbereich bekannten Website in ästhetischem Bewegtbild. Die von der Plattform "Beautiful Agony" gelebte Praxis, nicht den pornografischen Akt zu dokumentieren, sondern mit Porträtfotos ausschließlich das Gesicht seiner Userinnen und User im Zustand der höchsten sexuellen Erregung, scheint auch bei Anna B Savage Anklang gefunden zu haben.

Die, nun ja, Newcomerin aus London führt mit einem dramaturgischen Kippen ins sanft Unheimliche allerdings auch vor Augen, warum man in diesem Zusammenhang gerne von kleinen Toden spricht. Immerhin wird bald der Punkt erreicht sein, an dem man zwangsläufig an Kylie Minogue in ihrer Rolle als Wasserleiche an der Seite von Nick Cave denken muss ("Where The Wild Roses Grow", 1995).

Anna B Savage aber gibt währenddessen - bereits der Songtitel legt es nahe - eine Leonard-Cohen-Paraphrase zum Besten, die auf Rollenumkehr setzt und dem alten Meister mit Sicherheit gefallen hätte. "He’s giving me head on my unmade bed / so I try to stay focused": Auch so kann man einen künstlerischen Exkurs über weibliche Sexualität und Selbstliebe eröffnen, der das nun vorliegende Debütalbum "A Common Turn" maßgeblich mitbestimmt.

Zweifelndes Enigma

Biografisch ist über Anna B Savage bisher wenig bekannt. Die Tochter eines Sänger-Ehepaars aus dem Herzen der britischen E-Musik (die junge Songwriterin hat in ihrer Kindheit viel Zeit in der Londoner Royal Albert Hall verbracht) schätzt das Bild des Enigmas. Folgerichtig existiert bisher auch kein eigener Wikipedia-Eintrag, der beispielsweise über das genaue Alter der Musikerin oder ihr erstes Auftauchen im Geschäft 2015 mit einer titellosen EP informieren würde. Laut Begleitzettel ihres Plattenlabels City Slang war die Zeit nach der Erstvorstellung aber von Problemen geprägt. Von einer mittlerweile überwundenen toxischen Beziehung ist ebenso die Rede wie von erheblichen künstlerischen Selbstzweifeln und Blockaden.

Und so kündet das Debütalbum, das nun also nicht nur zustande kam, sondern allem Hader zum Trotz auch noch sehr, sehr einnehmend ausfiel, zumindest im Falle des zart an PJ Harvey erinnernden und programmatisch betitelten Songs "Dead Pursuits" auch unmittelbar von seiner schwierigen Genese. Tatsächlich kann man sich an kaum einen Song erinnern, der die Verzweiflung des Künstler-Ichs an sich selbst expliziter verhandeln würde - händeringendes Finale inklusive: "Creating in a vacuum ... Will I ever record this? Is anyone listening?"

Den buchstäblichen Wendepunkt, den "A Common Turn" adressiert, brachte dann ausgerechnet ein Vogel, der eine starke phonetische Ähnlichkeit zum Albumtitel aufweist - und dem ein gleichnamiger Song gewidmet ist.

Bedrohte Vögel

Draußen in der freien Natur konnte Anna B Savage auch einen "Common Tern", also eine Flussseeschwalbe, beobachten, die als vom Klimawandel bedroht gilt. Außerdem taucht aus dem Reich unserer gefiederten Freunde im - synonym für das Album - eher an Joni Mitchell gemahnenden Song "Corncrakes" auch noch der ohnehin in seinem Bestand gefährdete Wachtelkönig auf. Wahrscheinlich verweist die Musikerin also nicht von ungefähr auf die inspirierende Lektüre des Romans "The Outrun" (deutsch: "Nachtlichter", btb 2017) ihrer Landsfrau Amy Liptrot. Die britische Autorin koppelte darin die Risikobiografie einer alkoholkranken jungen Frau mit Nature Writing vor der Kulisse der schottischen Küstenlandschaft.

Gelegentlich sind auf den zehn neuen Songs zwar auch vorsichtig aufgetragene Keyboardklänge zu hören. Bei "Two" fällt, zu einem Beat aus dem Drumcomputer, ein stotterndes Synthie-Arpeggio ein. Und im besagten Flussseeschwalbensong schwanken die schweren Mollakkorde im dazu stimmigen Setting zwischen ein wenig Post-Punk und etwas mehr Post-Rock. Grundsätzlich sind die Hauptinstrumente und -Elemente dieser gut und gerne dramatischen Songs aber Anna B Savages innige Vibratostimme und die bevorzugt gezupften Gitarren, die sich mit klug eingesetzten Hintergrundatmosphären in den Klangraum öffnen.

Songs wie "Baby Grand" gehen dabei jedenfalls schwer unter die Haut - und lassen die Hörerschaft innehalten. Die Selbstzweifel von Anna B Savage, sie waren unbegründet.