Für die optische Gestaltung seiner jüngsten Veröffentlichung hat sich Martin Gore diesmal nicht an Anton Corbijn gewandt. Nein. Der 59-jährige Sänger, Songwriter, Keyboarder, Gitarrist und Produzent hat den gut gebuchten niederländischen Haus-Fotografen und -Regisseur seiner Stammband Depeche Mode frech durch einen Affen ersetzt. Der mag zwar einen geringeren Marktwert haben (und auch entsprechend weniger Honorar verlangen), lieferte aber ein umso gewinnenderes Cover aus der Kategorie der zeitgenössischen Malerei in für die Musik erstaunlicher Farbenpracht.

Tier, Mensch und Maschine

Der 1992 geborene und derzeit in einem kanadischen Tierheim beheimatete Künstler aus dem Reich der Affen heißt Pockets Warhol und wurde der Öffentlichkeit erstmals im Jahr 2011 bekannt. Seinen Namen erhielt der aufgeweckte Fellträger mit Hang zur pinsellosen "Handmalerei" aufgrund seines Haupthaars, das zart an einen menschlichen Künstler ähnlichen Namens erinnert, der sich auf musikalischem Gebiet etwa durch ein zum Thema gut passendes Bananencover für die US-Band The Velvet Underground kanonisiert hat.

Und während man gerade über Bands nachdenkt, die vom Affen gelaust wurden (Damon Albarns Gorillaz zum Beispiel - oder die Monkees), ließ sich Martin Gore selbst von Erinnerungen an Urlaube in Costa Rica inklusive dort absolvierten, nun ja, "Ape Watchings" und einer renommierten Buchpublikation aus dem Bereich der Populärwissenschaft zu neuer instrumental-experimenteller Solomusik inspirieren. Für die zog das Artwork des spätestens jetzt also endgültig in der Szene etablierten Kapuzineraffen eine weitere Bedeutungsebene ein.

"The Third Chimpanzee E.P."-Cover-Artwork von Pockets Warhol. - © Mute
"The Third Chimpanzee E.P."-Cover-Artwork von Pockets Warhol. - © Mute

Der Depeche-Mode-Chefsongschreiber verweist in handverlesenen aktuellen Interviews auf die Lektüre des interdisziplinär tätigen US-amerikanischen Evolutionsbiologen Jared Diamond, an dessen Werk "The Rise and Fall of the Third Chimpanzee" von 1991 sich seine nun vorliegende "The Third Chimpanzee E.P." bereits im Titel orientiert. Wobei Martin Gore dort anknüpft, wo der Autor die tierischen Ursprünge menschlichen Verhaltens untersucht.

Streng genommen ist diesbezüglich auch die Bezeichnung "Instrumentalmusik" nicht ganz richtig. Immerhin hat Martin Gore seine eigene Stimme durchaus als Instrument eingesetzt, diese aber so stark elektronisch verzerrt und verfremdet - in eigenen Worten: "re-synthesized" -, dass sie nicht mehr als solche erkennbar ist. Nur mit dem entsprechenden Hintergrundwissen wird sie etwa als vermutete Klangquelle hinter den aufheulenden Maschinen von Stücken wie "Howler" und "Mandrill" ausgemacht. Der Rest entstammt ohnehin Martin Gores zu Hause im sogenannten Electric Ladyboy Studio im sonnigen Santa Barbara verbauten gigantischen Eurorack-Modularsynthesizer-System. Auch Gitarren kamen für die neuen Tracks nicht zum Einsatz.

Exakt kein Rock ’n’ Roll

Erst im Mai wurden Depeche Mode für ihre Lebensleistung offiziell in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Was lag also näher als die Genese neuer Musik, die mit Rock ’n’ Roll im herkömmlichen Sinn exakt gar nichts und mit seiner Band auch nur am Rande zu tun hat? Allerdings beweist Martin Gore damit Konsequenz. Bereits der 2012 gemeinsam mit seinem ehemaligen Bandkollegen Vince Clarke unter dem Projektnamen VCMG entstandene Techno des Albums "Ssss" sowie die drei Jahre später mit hübschen instrumentalen Kopfkinosoundtracks auf "MG" wiederbelebten Soloambitionen demonstrierten neben einer Hinwendung zum elektronischen Instrumental vor allem ein Verlangen nach kreativem Freiraum abseits des stadiontauglichen Songformats.

Während Depeche Mode in dieser Hinsicht derzeit ohnehin zwangspausieren, ist "The Third Chimpanzee E.P." Martin Gores dahingehend bisher radikalster Schritt, der folgerichtig bei seiner alten künstlerischen Heimat, Daniel Millers Label Mute Records, erscheint und nicht beim auf kommerzielle Höhenflüge fixierten Marktmajor Sony.

Karge Nachtfahrt

Es pumpen und pochen die hart gesetzten, grobschlächtigen Synthesizer durch unwirtliche, karge Klanglandschaften in Richtung Hallraum, in dem es kräftig knarzt, brummt und brodelt. Manchmal vernimmt man ein animalisches Aufröhren, das auf einen Schaltkreis zurückgeht. Und auch wenn bei "Howler" eine später in die Coda geschickte bittersüße Synthesizermelodie einfällt und im achteinhalbminütigen "Vervet" etwas mehr Licht aufscheint, so hat man es bei den viereinhalb Stücken im Wesentlichen doch mit einer akustischen Nachtfahrt zu tun. Nachts ist es für Menschen im Dschungel besonders unheimlich.

Brüll- und Kapuzineraffen, Schimpansen, Mandrille und Grüne Meerkatzen bevölkern die Tracks, über die man frei nach einem alten Kinderlied resümieren könnte: Die ganze Affenbande brüllt! Nur etwas mehr Fleiß hätte man sich von Martin Gore jetzt noch gewünscht. Ehe die EP so richtig begonnen hat, ist sie nach 23 Minuten auch schon wieder vorbei.