Es hätte eigentlich ihr Jahr werden sollen. Aber auch für Sängerin Celeste hatte dieses 2020 etwas anderes im Köcher, als durch die Welt zu touren als vielversprechendste neue Popkünstlerin des Jahres. Ein Album, das im März erscheinen sollte, wurde verschoben - zu groß war die Sorge, dass die Musik im konzertfreien Raum einfach so verpufft. Nun ist ihr Debüt endlich erschienen und es ist vielleicht Spekulation, dass es im Vorjahr noch anders geklungen hätte. Aber Celeste selbst sagt, dass ihre nicht ganz unkomplizierte Liebesbeziehung zu Model/Dichter Sonny Hall ihrer Musik nun eine weitere Ebene verliehen hat. Nicht ohne Grund trägt das Album daher den Titel "Not your muse", was auf eine sehr spezifische Selbstbestimmungsnotwendigkeit hindeutet.

Der zweite Vorname von Celeste Waite ist Epiphany, auf Deutsch Offenbarung, und als solche wird sie von Kritikern nun auch gehandelt. Nicht selten fällt der Vergleich mit Amy Winehouse und deren einzigartiger Stimme. Aber wie das mit Einzigartigkeit so ist - da ist es letztlich doch schwer mit Vergleichen. Und die Stimme der in Kalifornien geborenen Britin lässt sich eben genau nicht in nur eine Schublade stecken - dafür ist sie zu facettenreich: Einmal ist sie ein sanftes Tupfen, einmal ein murmeliges Hinwerfen, einmal ein gebrochenes Schäkern im Falsett. Vor allem verbreitet sie eine satte Wärme wie eine Flauschdecke - allerdings die von Westwing im hip-minimalistischen Design. Den Songs auf "Not your muse" ist folgerichtig eine recht zurückhaltende Instrumentierung zu eigen, ob es die Hauch-Ballade "Strange", die hawaiianisch wiegende Nummer "Beloved" oder das Nina-Simone-Zitat "Stop that Flame" ist, das auf "Sinnerman" basiert.



Das flotte "Love is back" klingt wie aus den Nullerjahren geretteter Brit-Soul, ein bisschen griffiger als der Rest des Albums, der sich rauer gibt. Nicht zuletzt bei dieser Kantigkeit mag man Celeste gern glauben, dass ihre frühen Vorbilder Aretha Franklin und Ella Fitzgerald waren.

Zitate purzeln

Den Thron der Newcomerin des Jahres muss sich Celeste Waite nun heuer aber mit einer anderen Künstlerin teilen. Auch aus Großbritannien kommt Arlo Parks, deren Debütalbum derzeit die Musikkritik in Ehrfurcht erstarren lässt. Schon 2019 veröffentlichte sie eine Nummer, die man heute als fast prophetische Hymne für die Pandemie-Jugend hören kann: "Super Sad Generation".

Arlo Parks. - © Alexandra Waespi
Arlo Parks. - © Alexandra Waespi

Allerdings - Homeoffice ist für die 20-jährige Londonerin jetzt auch nicht die größte Umstellung. Das macht sie praktisch seit frühen Teenjahren - in ihrem Dachzimmer schreibt sie Gedichte, spielt Instrumente und bringt sich DJ-Sets bei. Apropos Gedichte: Bei Arlo Parks steht immer der Text vor der Melodie - folgerichtig beginnt ihr Album "Collapsed in Sunbeams" auch mit gesprochenen Versen zu Gitarrenweisen mit feinen Keyboard-Schlieren.

Parks erzählt auf ihrem Album Geschichten aus dem Universum der Teenager-Unsicherheit. Und öffnet das Spektrum vom Nicht-zugehörig-Fühlen unter anderem wegen homophoben Vorurteilen bis zur handfesten Depression, die im Song "Black Dog" auch eine titelgebende Metapher bekommt. Da hat sie sich von Tennessee Williams inspirieren lassen. Und auch sonst ist Parks nicht zimperlich im schwammartigen Eindrücke aufnehmen und verarbeiten - dass ihre Kunst sich auf vieles bezieht, gibt sie, anders als viele Kollegen, unumwunden zu. Aus den Texten ihrer Songs purzeln Zitate und Namenserwähnungen vor allem aus dem Pop der 90er-Jahre. Einer Genre-Zuschreibung entzieht sich das Album eben durch diesen Eklektizismus.

Ein Grund, warum Parks Musik gerade in diesem Moment so anziehend ist, ist wohl auch, dass sie gleichermaßen cool und trostspendend ist. Immerhin gibt es sogar einen Song mit dem Titel "Hope" und dem Refrain "You’re not alone". Im letzten Song des Albums, "Portra 400", kann man sich sogar ein Motto rausfischen: "Making rainbows out of something painful."