Weezer sind eine recht fleißige Band: Die einzige längere Plattenpause gönnten sie sich zwischen ihrer zweiten LP, "Pinkerton" von 1996, und dem "Green Album" von 2001. Zuletzt, sprich 2019, brachten sie gleich zwei LPs in einem Jahr heraus: Das "Teal Album" enthielt, mit einer ziemlich originalgetreuen, abartig erfolgreichen Deutung von Totos "Africa" als Anheizer, eher mäßig geglückte Covers von vorwiegend aus den 80ern stammenden Klassikern. Ihm folgte das weitgehend recht gute, von akustischen Roots-Passagen durchzogene "Black Album".

Anmutig konzertant

Letztes Jahr hätte "Van Weezer" herauskommen sollen: Eine Hommage des kalifornischen Surf-Punk-Rock-Alternative-und-außer-Jazz-alles-Mögliche-sonst-noch-Quartetts an Hard-Rock- und Heavy-Metal-Monster der 70er und 80er, wie Kiss, Metallica, Black Sabbath und natürlich Van Halen, die dem Projekt unverkennbar nominell Pate gestanden haben. Corona und die damit verbundene Unmöglichkeit, die Musik live zu promoten, erzwangen eine Verzögerung der Veröffentlichung. Anfang 2021 war anvisiert - da jedoch an Konzertieren, geschweige denn Touren noch immer nicht zu denken ist, wurde die Platte ein weiteres Mal, vorderhand bis Mai, auf Eis gelegt. Stattdessen kommen Weezer jetzt mit einem Werk daher, bei dem man - außer vielleicht für vereinzelte, besonders feierliche Gelegenheiten - kaum einen Gedanken an seine Live-Umsetzung verschwenden muss.

Auch "OK Human" hat einen beziehungsreichen Titel, dessen Referenzpunkt klar ist: "OK Computer", Radioheads Abflug in die Sphäre des getragenen, elektronisch infiltrierten Kunst-Rock. "OK Human" soll indes, so war vorab zu hören, Weezers "Beach-Boys-Album" sein. Nun ist ein Weezer-Irgendwas-Album im Hinblick auf eine valide Definition seines Inhalts so eine Sache. So vermitteln etwa die Vorab-Songs aus "Van Weezer" den Eindruck relativ normaler, gewohnt melodiestarker Weezer-Musik und dämpfen damit Ängste vor einer Neuauflage des stampfenden Hardrocks, wie ihn ihr Song "Beverly Hills" von 2005 zelebrierte.

Und tatsächlich, so naheliegend eine Beach-Boys-Zelebration auch anmuten mag - immerhin klang Weezers erster Hit "Buddy Holly" wie eine in die 90er Jahre transferierte Huldigung an den frühen Brian Wilson -, der Wind weht auf "OK Human" doch stärker von jenseits des Atlantik: Es ist, als hätte man hier die konzertanten Beatles auf einer Platte konzentriert. Und zwar die anmutig konzertanten Beatles; die Beatles von "Eleanor Rigby", "In My Life" oder "She’s Leaving Home" - nicht die monströs konzertanten Beatles von "The Long And Winding Road" oder "Carry That Weight"."OK Human" wurde mit 38-köpfigem Orchester, viel Klavier und ohne laute E-Gitarren realisiert. Und trotzdem löst die Musik sofort vertraute Reflexe aus.

Allzu Menschliches

Das kann den Hörer verleiten, etwa zum Refrain von "Aloo Gobi" eine aufbrausende Gitarre mitzudenken. Und das ist überhaupt das Kriterium dieser Platte: Sie würde auch im normalen Rock-Format funktionieren. Denn was Weezers Reiz ausmacht, ihre melodische Finesse, ihre cleveren harmonischen Strukturen, ihre Dynamik, das ist auch hier zu hören.

Inhaltlich hat das Album, um noch einmal auf "OK Computer" zurückzukommen, nichts mit existenziellen Parabeln zu tun. Im Gegenteil, es geht hier um allzu Menschliches. Sänger und Songschreiber Rivers Cuomo gibt Einblicke in seine Welt; auch in seine Psyche, wie in "All My Favorite Songs", in dem er bekundet, mit nichts glücklich sein und sich nie eindeutig für oder gegen etwas entscheiden zu können. Andere Songs führen vor, dass auch Rockstars im Lockdown der Selbst- und Weltvergessenheit anheimfallen und Kinder haben, die ihre Augen nicht von Displays lösen können.

Verstärkt durch Technologie- und Medien-Skepsis macht das also das Bild einer kleinen, fast kläglichen Welt, die der immer noch ein wenig nerdig anmutende Cuomo da präsentiert. Das wiederum ergibt in Kontrast zur majestätisch arrangierten Musik den leicht schizophrenen Effekt, dass eine Platte, die sich so groß gibt, vielerorts unterschätzt werden könnte.